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Lieber Gerd,

nachfolgenden Vortrag hielt ich 2006 in Baden-Baden an der Ferenczi-Groddeck Tagung.
Eine Neubearbeitung erschien im American Journal of Psychoanalysis, 2007, 67:260-274:

THE POWER OF THE SPOKEN WORD IN LIFE, PSYCHIATRY, AND PSYCHOANALYSIS –
A CONTRIBUTION TO INTERPERSONAL PSYCHOANALYSIS

Zvi Lothane, M. D.

Henry (Zvi) Lothane, MD, DLFAPA
Clinical Professor Department of Psychiatry
Mount Sinai School of Medicine
1435 Lexington Avenue New York, NY 10128(212) 534 5555
Schreber@lothane.com
www.lothane.com


Im Anfang war das Wort: oder gäbe es eine Psychoanalyse,
wenn Freud ein Philosoph bzw. Soziolog geworden wäre?

von Zvi Lothane


“ In der analytischen Behandlung geht nichts anderes vor
als ein Austausch von Worten zwischen dem Analysierten und dem Arzt“
(Sigmund Freud)

Das Johannesevangelium beginnt so: „Im Anfang war das Wort,“ LOGOS, „und das Wort war mit Gott und Gott war das Wort; und das Wort wurde Fleisch und hat unter uns gewohnt.“ Der heilige Johannes meinte mit dem Wort Jesus den Sohn Gottes. Ich meine das Wort als Wort, konkret, als Sprache und Sprechen, das was den Menschen vom Tier unterscheidet und den Unterschied, den dies macht. So verstand es auch Freud in seiner vergessenen Arbeit von 1890 zur „Psychische Behandlung (Seelenbehandlung)“, oder Seelentherapie, falsch datiert in den gesammelten Werken und in der Standard Edition auf 1905. Beginnen wir zu Ehren seines 150. Geburtstags mit Freud. Als Student war Freud so begeistert von Brentanos Aristotoles-Vorlesungen in Philosophie, dass er an Eduard Silberstein schrieb, er beabsichtige zwei Doktorate zu machen, in Philosophie und Zoologie. Er erwog zuerst, Jura zu studieren, schlug dann aber den Weg der Zoologie ein und wurde dennoch ein Philosoph, ein Moralist, wie Philip Rieff ihn nannte, trotz seines Umweges über die Medizin, und der größte Psychologe seit Aristoteles. Ohne Medizin wäre Freud vielleicht ein anderer Montaigne geworden; dank der Medizin vermochte er etwas über das menschliche Leid zu lernen und entdeckte eine psychologische Methode, um Leiden zu heilen. Freud schrieb den Essay von 1890, als er schon psychotherapeutisch arbeitete, unterwiesen von drei Mentoren: Josef Breuer, der von den animistischen Mesmeristen lernte und Freud im Jahre 1883 von der Therapie der Anna O. erzählte; J.–M. Charcot, der die Hysterie und die Hypnose rehabilitierte; und Liebeault und Bernheim in Nancy, die konkurrierende Schule der Suggestion, die die fundamentalste Heilmethode bleibt, die Psychoanalyse eingeschlossen.

Was meinen diese Wörter? Das deutsche Wort „Behandlung“ ist verbunden mit Handeln, (von Greifen, mit der Hand befühlen), mit verhandeln (mitteilen), worunter man auch Erzählen rechnen kann. „treatment“ kommt von treatise, tractatus, ein Dialog. Das altgriechische „therapein“ meint „behandeln, heilen, kurieren, dienen“ – der Therapeut dient dem kranken Menschen mit Leid lindernden Worten und anderen Mitteln. Und was ist Seele? Da wir Seele nicht beobachten können, außer wir wären Gott, können wir nur Menschen sehen, die ihre Gefühle ausdrücken, Gedanken und Handlungen durch Sprechen und Gestik, innerhalb und außerhalb der Therapie.

Freud ist kristallklar in seiner Definition:
„ Psyche (ist) Seele…psychische Behandlung (ist) von der Seele aus,…… seelischer oder körperlicher Störungen mit Mitteln, welche zunächst und unmittelbar auf das Seelische des Menschen einwirken. Ein solches Mittel ist vor allem das Wort, und Worte sind auch das wesentliche Handwerkszeug der Seelenbehandlung. Der Laie wird es wohl schwer begreiflich finden, dass krankhafte Störungen des Leibes und der Seele durch ‚bloße’ Worte des Arztes beseitigt werden sollen. … (S. 289)… (Worte sind) die wichtigsten Vermittler für den Einfluß, den ein Mensch auf den anderen ausüben will; Worte sind gute Mittel, um seelische Veränderungen bei dem hervorzurufen, an den sie gerichtet werden, und darum klingt es nicht länger rätselhaft, wenn behauptet wird, dass der Zauber des Wortes Krankheitserscheinungen beseitigen kann, zumal solche, die in seelischen Zuständen begründet sind. (Gesammelte Werke, S. 301 – 302).

Zauber des Wortes ist Suggestion: Seelentherapie ist die Therapie des Wortes. Wortzauber kommt auf mit der Entwicklung der Liebe, Agape, und der Sprache, wie es der große amerikanische Semiotiker Charles Peirce schrieb. Es gibt eine Zeit in unserer Kindheit, wenn wir von und mit unseren Müttern sprechen lernen, und von da an sind wir unser ganzes Leben von Wörtern umgeben: Wir denken, träumen, und sprechen mit Worten. Später sehen wir gedruckte Wörter. Ich habe keine Ahnung was das präverbale Kind denkt oder wie es denkt; Melanie Klein und andere meinten, sie könnten dies. Tiere haben auch Seelen und fühlen Liebe und kommunizieren Liebe mit Lauten und Gesten. Außersprachlich drücken wir Liebe, Ärger und Hass aus in den symbolischen Künsten des Tanzes, der Musik und der Lyrik. So wie das Du älter ist als das Ich, so ist die emotionale Sprache älter als die diskursive; diese, eine spätere Entwicklung, wurde geschaffen, um intellektuelle Ideen zu vermitteln. Philosophie, Theologie, Recht, Politik gehören der Sphäre des Wortes an. Auch die positivistischen Wissenschaften werden durch Worte vermittelt, es ist alles rhetorisch, Wissenschaft ist auch Literatur und erzählt Geschichten.

Um effektiv und erfolgreich zu sein, sollte sich die Therapie an die Krankheit anpassen, die sie beabsichtigt zu heilen. Worttherapie, die Magie der suggestiven Einflussnahme, ist wirksam, weil emotionale Störungen u.a. durch Traumata der Kommunikation verursacht sind. Wörter können verletzen und heilen. Wörter werden gebraucht, wenn man um Liebe bittet und Liebe gibt, beim Verteidigen und beim Überreden, beim Bestimmen und beim Einschmeicheln, beim Liebkosen und beim Bedrängen. Wörter können beißen, schneiden und töten wie Messer. Emotionale Störungen werden von Wörtern aufrecht erhalten und durch Wörter geheilt. Dass die Worttherapie gleichbedeutend ist mit der Magie, der Einflussnahme und der Suggestion war Freud schon klar, bevor er Bernheim traf, der in Villarets Wörterbuch (1888 b, S. 727) definierte: - „’Suggeriren’, wie man die Einredungen während der Hypnose nennt.“ Darüber hinaus hat Reden viele Verwendungen: unterreden, überreden, zureden. Das Gegenteil von Einreden ist „Ausreden“, sich oder jemand anderem etwas ausreden, mittels Autosuggestion oder durch einen Helfer, einen Therapeuten. Dieser hat einen Vorteil: „Aber es ist nicht dasselbe, etwas bei sich zu wissen und dasselbe von anderer Seite zu hören; der Arzt übernimmt die Rolle dieses wirksamen anderen; er bedient sich des Einflusses, den ein Mensch auf den anderen ausübt.“ (Bd. X, S. 365). Und 1926 schreibt Freud: "Sie als Analytiker ... diesen gesteigerten Einfluß dazu benutzen, ihn von seinen krankhaften Gedanken abzubringen, ihm seine Befürchtungen auszureden usw." (S. 216), und ferner: "[der Analytiker] hat ja keine Instrumente oder Medikamente verwendet, nur mit ihm geredet, versucht, ihm etwas ein- oder auszureden."

Wortzauber und Liebeszauber sind miteinander innig verbunden: alle emotionalen Störungen sind Liebesstörungen: sei es der Wunsch nach Liebe, der Exzess der Liebe oder Verzerrungen der Liebe. Demnach: Angst ist gebunden an die Furcht vor Liebesverlust; Depression ist gebunden an den Verlust der Liebe; Paranoia ist gebunden an Eifersucht und Neid wegen der Liebe; Sadismus und Masochismus sind Perversionen oder Verzerrungen der Liebe. Diese Emotionen erlebt der Leidende als Gedanken, Fantasien, Tagträume und Träume und inszeniert sie oder erzählt sie einer anderen Person. Die Therapie des Wortes als Sprechen und Handeln der Liebe, ist eine Kur für die Probleme mit der Liebe. Freud schreibt dies im Problem der Laienanalyse 1926. Aber in Sachen Liebe überholte der Schüler Ferenczi den Meister Freud, wie ich gezeigt habe (Lothane, 1998).

Die Prämisse, dass Liebe und Sprache Prozesse der Kommunikation sind, führt zu folgenden methodologischen Thesen: während der psychoanalytischen Arbeit gibt es
• kein Es, Ich, und Überich, es gibt nur die Person in ihren interpersonalen Wechselwirkungen.
• Es gibt keine Diagnosen, nur individuelle Lebensgeschichten.
• Es gibt keine universellen Dynamiken, nur das Sprechen im Hier und Jetzt, aktuelle persönliche Inhalte und Absichten in den Nuancen der je eigenen Lebensgeschichte.
• Es gibt keine Formeln der Interpretation: nur bewusste und unbewusste Kommunikationsprozesse in Form von Wörtern, Metaphern, Bildern, Fantasien, vom Sprecher zum Zuhörer, im Leben und in der Therapie.
• In der Therapie werden solche Prozesse erlebt und analysiert im Geiste dessen, was Freud als gleich schwebende Aufmerksamkeit und freie Assoziation definiert und beschrieben hat, ein psychisch bestimmter Prozess.

Diagnosen, dynamische Formulierungen und formelartige Interpretationen sind Abstraktionen und Verallgemeinerungen, d.h. von Psychiatern und Psychoanalytikern geschaffene Konstrukte. Sie sind oft Verdinglichungen von Metaphern oder Patienten: So z.B. wurden die gespaltenen Seelen von Schreber zu einem Begriff: Spaltung (Splitting). Ferenczi nennt sie in seinem Tagebuch Wahnideen, ich nenne sie Gegen-Fantasien. Das Herz der psychoanalytischen Methode - so habe ich es in einer Panel-Diskussion in New Orleans 2004 postuliert - sind Prozessinterventionen, nicht formelhafte Interpretationen.
Eine andere Behinderung der Prozesskonzeption stammt von der Verschmischung der psychoanalytischen Behandlungsmethode mit unterschiedlichen pathogenetischen Theorien, dem Problem des Einen und den Vielen. Die Methode oder therapeutische Technik ist das Gespräch, oder, wie Anna O., die Mitbegründerin der Psychoanalyse, dies reizenderweise nannte, die talking cure. Der Prozess und das Verfahren des Sprechens wurde auf eine Vielfalt von Störungen oder Krankheiten, und Krankheit- und Störungs-Theorien angewandt. Aber wenn es wahr ist, dass “In der analytischen Behandlung … nichts anderes vor(geht) als ein Austausch von Worten zwischen dem Analysierten und dem Arzt“ (Freud), dann wird es gleichfalls wahr sein, dass Störungen auch durch Worte und Reden geschaffen werden und zum Ausdruck kommen. Die unterschiedlichen psychiatrischen und psychoanalytischen Schulen sind Sekten, die statt um den Wert der Worte in der Therapie, Kämpfe um die richtige Störungstheorien austragen.
Freud hat nicht die Sprachwendung „Worttherapie“ gebraucht, wie Lain Entralgo es tat, noch sagte oder schrieb er irgendwann „interpersonell“: Wie dies der sprichwörtliche M. Jourdain tat, der nicht wusste, dass er Prosa sprach, wenn er nach seinen Schuhen fragte, so wusste Freud nicht, dass er ein Sullivanianer ist; aber von Anfang an, so habe ich gezeigt, war er interpersonell (Lothane, 1997): Sprechen, Suggestion, Katharsis und die psychoanalytische Methode, all dies ist interpersonell, und auch, so wie es Freud 1890 vorgezeichnet hat, die psychosomatische Medizin, was Groddeck unter der Sentence natura sanat medicus curat (1913) „Nasamecu“ zusammenfasste.
Es war der große Harry Stack Sullivan, der die Psychiatrie neu erschuf als einen interpersonellen Prozess, und damit eine kopernikanische Wende initiierte. Er kommt zu der Einsicht, dass, was wir unter dem Banner des medizinischen Störungsmodells euphemistisch Symptome nennen, nichts als metaphorische Symptome sind, aktuelles Verhalten oder Benehmen, das von der einen Person zur anderen über Taten und Worte kommuniziert wird. Solche Kommunikationen sind beides: intra-personell oder intra-psychisch in Bezug auf das Selbst und inter-personell bezogen auf eine Person, d.h. diadisch. Krankheiten als monadische Phänomene zeigen konkrete Symptome und Zeichen körperlichen Geschehens, das im Organismus als ein in sich geschlossenes System in Erscheinung tritt. Aktionen sind INTER-Aktionen, zwischenmenschliche Ereignisse. Und das Wort wurde Fleisch oder körperlich, wurde über die Körperorgane mediiert, die Zunge und das Ohr, Sprecher und Zuhörer. Gleichzeitig ist das gesprochene Wort, das die weitesten Dimensionen von Denken, Fühlen und Geist abdeckt, oder ein Symbol nichts mehr als ein Lufthauch, ein Flatus Vocis und hat nicht mehr Körperlichkeit als der Klang von Musik, der mit der Stimme oder einem Instrument erzeugt wurde. Wie eine Welle im Wasser, hinterläßt es keine Spur. Und gleichzeitig sind die Folgen für die menschlichen Taten und das menschliche Glück unberechenbar. Im Denken, sagt Platon, spricht die Seele zu sich selbst. Aber wo ist die Seele? Ist sie im Gehirn, im Herzen, im Magen oder im Zwerchfell oder Phren – von daher „Schizophrenie“ - wie manche Alten glaubten? Die Lokalisierungstheorie des Geistes ist schon 24 Jahrhunderte alt, wenn wir von dem aus Alexandrien stammenden Erasistratos aus rechnen. Wir denken, wir hätten schlussendlich die Seele in Freuds 1895 gereinigtem Projekt lokalisiert oder dank der Technologie in den MRIs und fMRIs des Gehirns. Aber, wir haben an der falschen Stelle geschaut. Der Geist ist nirgendwo drINnen, er ist INTER oder DAZWISCHEN, er ist zwischen zwei oder mehr Menschen, die miteinander sprechen und interagieren über Wörter und mit ihrer Mimik und Gestik. Es gibt kein Gehirn und keine Seele, außer in erlernten Theorien, im Leben selbst gibt es nur Menschen, die am Sprechen sind, entweder zu sich selbst, zu jemandem aus Fleisch und Blut oder zu jemandem im Bild oder in der Vorstellung, d.h. in eines Menschen Träumen oder Tagträumen: dies kann sich in Einzelgesprächen oder Kolloquien abspielen, Monologen oder Dialogen. Aber selbst im Monolog gibt es immer noch jemand anderen, an den wir denken oder an den wir uns heimlich wenden. Freud witzelte, dass im Raum des Analytikers zumindest sechs Personen anwesend sind: die zwei Gesprächsteilnehmer und die Eltern des Analysanden. Aber was ist mit den Eltern des Psychoanalytikers? Brüdern und Schwestern, Freunden und Geliebten? Strittig ist nicht der Sitz der Seele, sondern der Sitz der Psychopathologie.
Einen anderen Menschen beobachten und kennen heißt nach Sullivan sich temporär auf einen Prozess des Zuhörens und Sprechens einzulassen: Imagination, Sympathie und lange vor Kohut, Empathie sind Bestandteile dieses Prozesses, Gefühle und Gedanken, sowie auch Gebärde und Gesten, als Kommunikationen, mitzuteilen (Ich habe noch mal in Deinem Text nachgeschaut: besser: Gefühle und Bedeutungen mitzuteilen/ kein Wort mehr.. Dies ist etwas anderes als die Beobachtung von Objekten, es ist eine teilnehmende Beobachtung. Von daher ist der Begriff Objektbeziehungen ein trauriger Missgriff. Objekte haben keine Beziehung, nur Personen. Teilnehmend meint gegenseitig und wechselseitig, meint Geben und Nehmen. Zuhören meint die Gedanken des Sprechers zu denken und seine Gefühle zu spüren, in sich selbst wieder zu erschaffen und so in Kontakt mit der inneren Welt des anderen zu kommen. Die traditionelle deskriptive psychiatrische Phänomenologie, auch wenn sie das Gehirn als Beschreibung oder Erklärung für Verhalten meidet, beobachtet die Person als Objekt, abstrahiert und beschreibt die so-genannten Elementar-Erscheinungen, um damit Objektivität zu beanspruchen. Aber die Person so von außen zu betrachten, sie zu interviewen wie in einer neurologischen Untersuchung, vergibt die Chance, einen Menschen von innen zu verstehen, in seinem intimen Innenleben oder in seiner umfassenden psychologische Realität kennen zu lernen. Die äußerliche Beobachtung von Körpern und Verhalten, seien diese nun normal oder abnormal, gesund oder gestört, ist gleichzeitig oder querschnittsartig wie in der Anatomie, Physiologie, Pathologie und forensischen Psychiatrie. Solche Beobachtung mündet in medizinische und psychiatrische Klassifikation, Nomenklatur. In den klinischen Wissenschaften organisieren wir dann die erhaltenen Daten in Symptome, Syndrome und Systeme.

In der interpersonellen Herangehensweise stellen wir die Person als ein Individuum in den Mittelpunkt, d.h. nicht weiter aufteilbar, ganz, als ganze Person, die handelt, Erfahrungen macht und als ganze Person in Erscheinung tritt, nicht als Teile einer Person, d.h. diachronisch, longitudinal und historisch. Dieses Ganze ist nur aufteilbar zugunsten einer konzeptionellen Analyse, sei sie nun physisch oder psychisch: Analyse meint etwas auseinander nehmen, es in Einzelteile, Elemente, Partikel aufbrechen. Die ganze Person bewegt sich als ganze, fühlt denkt, handelt und drückt sich als ganze Person aus. Die ganze Person ist ein Individuum mit einer Geschichte. In ihrem Bemühen um die individuelle Geschichte und Biographie erfüllt die teilnehmende Beobachtung das Paradox von Geschichte als einer Wissenschaft des Besonderen. Freud würde zustimmen, dass da keine Hysterie ist sondern nur Historie oder wie er sagt „die Genealogie der Symptome“.
Amerika wurde entdeckt, aber die USA wurden erfunden, nun wird sie von Busch und seinen Gefolgsleuten neu erfunden, die sich der Lügen und Massensuggestion bedienen. Wurden die Psychiatrie und die Psychoanalyse entdeckt oder erfunden? Psychiatrische Diagnosen und Nomenklatur, die auf einer äußeren Beobachtung beruhen, anders als medizinische Diagnosen, sind hauptsächlich Erfindungen, keine Entdeckungen. Es braucht nur eine Person für eine Lungenentzündung, es braucht aber zwei Personen für Paranoia: Das Vorurteil der einen Person kann zur Paranoia der anderen werden. Der Sinn von „Symptom“ liegt in der Interaktion.
Das amerikanische Diagnostic Statistical Manual, das auf der Linée-ähnlichen Taxonomie von Emil Kräpelin beruht, ist nicht ganz unähnlich dem Malleus Maleficarum (dem Hexenhammer) von 1486, der Erfindung verschiedener Formen von Hexerei und ihrer „Kur“. Philippe Pinel, der mit seiner 1801 erschienenen Abhandlung „Traite medicophilosophique sur l’alienation mentale“ – ursprünglich traite de la manie - das psychiatrische Millenium erfand, formulierte zuerst ein unitäres Krankheitskonzept, im Gegensatz zur anatomisch klinischen Wissenschaft unserer Tage. Pinel befasste sich mit den menschlichen Bedingungen, mit den Gefühlen und Leidenschaften eines Patienten wie Furcht und Ärger, Hass und Sorge; mit der Erziehungsgeschichte eines Menschen; mit den Konflikten zwischen Instinkten und Intelligenz, Sexualität und religiösem Dogma. Sein unmittelbarer Erbe Esquirol und nachfolgend Baillarger und Falret, teilten das Unitäre, das unizistisches (?)Einheitsthema in viele Formen geistiger Erkrankung auf: die Vielfalt von Krankheit- und Degenerations-Formen. Sydenhams Krankheitsbegriff der Species morbosa inspirierte eine solche Typenlehre und Klassifikations-Lehre der psychiatrischer Erkrankungen. In Deutschland behielt nur Zeller eine Einheitspsychose bei, die dann Griesinger übernahm, bis er dann seinen Kurs änderte und meinte, dass alle Geisteserkrankungen Erkrankungen des Gehirns seien. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vervielfachten französische und deutsche Nosographen Krankheitseinheiten – womit das Ökonomieprinzip eingebüßt ist. Man kann sich fragen, wie dies Freud in Bezug auf Schreber tat, ob mehr Wahrheit ist in den Wahnvorstellungen der Patienten oder mehr Wahn ist in den Konstrukten der Psychiater. Von einer ethischen Perspektive aus kann man fragen: Dienen solche Diagnosen dem Patienten oder den Fachleuten? Mir scheint, eher den letztgenannten als den Patienten: Dem Bedürfnis autoritativ und autoritär zu sein, von sich selbst als wissenschaftlich zu denken und last but not least, für seine Diagnosen bezahlt zu oder von Versicherungsgesellschaften entschädigt zu werden.
Ä hnliche Fragen kann man sich bezüglich psychodynamischer Formulierungen stellen. Bei der psychoanalytische Interpretation ist es ein wenig anders: Es geht nicht darum, Formen als Fertigprodukte wie den Ödipuskomplex oder den Penisneid auf den Fluss der Assoziation des Analysanden anzuwenden. Solche Deutung ist Analyse von außen angewandt, nicht von innen, hat eine autoritäre Färbung. Dass die Bedeutung einer Erinnerung oder eines Traumes im Träumer liegt, in seinen Assoziationen, dass es keinen Schlüssel wie die ägyptische Dechiffrier-Methode mit fertigen Symbolen für den Traum gibt, sondern der Traum nur mit Hilfe von des Träumers persönlichen freien, d.h. frei bestimmten Assoziationen zu den Traumszenen, Bildern, Gedanken und Gefühlen gedeutet werden kann, war Freuds Kopernikanische Wende. Die Erinnerung und der Traum steigen aus den unbewussten Tiefen in Form von persönlichen Metaphern auf. Niemand interpretierte die Träume des ersten Analytikers: Dies tat er selbst, er fand Lösungen für den manifesten Inhalt seiner Träume in seinen Assoziationen, was ihn zur Entdeckung des latenten Inhalts von Erinnerungen und Träumen führte, dem Traumgedanken. Die Bedeutung von Träumen war in ihm selbst. Ab da galt es für uns alle: die wahre Interpretation eines Traumes ist die Errungenschaft des Träumers, NICHT des Analytikers. Aber wer hat die Interpretationshoheit? Brauchen wir nicht den Analysanden, damit er uns die Bestätigung gibt, den grandiosen Wahn des allwissenden Analytikers aufrecht zu erhalten?

Indem Freud Träume studierte, kam er zu der vollen Bedeutung des dynamischen Unbewussten, dass rätselhafte „Symptome“ und „symptomatische“ Handlungen wie Vergessen, Versprechen und absurde Träume eine Folge sind und die gleiche Zweischichtenstruktur haben: eine bewusste manifeste und eine unbewusste latente Schicht, die in einem beständigen Wechselspiel miteinander stehen. Aber wenn Erinnerungen und Träume für immer ein Eigentum des Träumers sind, was kann dann der Analytiker zur Arbeit der Interpretation beitragen? Das führt uns wieder zurück zum Interpersonellen.

Die Kommunikation zwischen Menschen, verbal oder nonverbal, kann bewusst oder unbewusst sein. Es gibt vier Formen der Kommunikation: 1. von bewusst zu bewusst; 2. von bewusst zu unbewusst; 3. von unbewusst zu unbewusst; 4. von unbewusst zu bewusst, und es kann unterschiedliche Kombinationen davon geben. So gesehen ist die Interpretation ein Prozess, eine Interaktion, die Freud wie folgt beschrieb:

„ Sie wollen alle beim Arzte das Gegenstück zu der für den Analysierten aufgestellten ‚psychoanalytischen Grundregel’ schaffen. ... so soll sich auch der Arzt in den Stand setzen, alles ihm Mitgeteilte für die Zwecke der Deutung, der Erkennung des verborgenen Unbewußten zu verwerten, ohne die vom Kranken aufgehobene Auswahl durch eine eigene Zensur zu ersetzen, in eine Formel gefaßt: Er soll dem gebenden Unbewußten des Kranken sein eigenes Unbewußtes als empfangendes Organ zuwenden, sich auf den Analysierten einstellen, wie der Receiver des Telefons zum Teller eingestellt ist. Wie der Receiver die von Schallwellen angeregten elektrischen Schwankungen der Leitung wieder in Schallwellen verwandelt, so ist das Unbewußte des Arztes fähig, aus den ihm mitgeteilten Abkömmlingen des Unbewußten dieses Unbewußte, welches die Einfälle des Kranken determiniert hat, wieder herzustellen. Wenn der Arzt aber im Stande sein soll, sich seines Unbewußten in solcher Weise als Instrument bei der Analyse zu bedienen, so muß er selbst eine psychologische Bedingung im weiteren Ausmaße erfüllen:“ (GW, 8: 381- 2).

Freud operationalisierte die psychoanalytische Methode, indem er die Metapher des Instruments benutzte. Interessanterweise nimmt der unmusikalische Freud, der visuelle Typ par excellence, ein akustisches Gleichnis, verglichen mit den überwältigenden visuellen Bildern, die in der Traumdeutung und in seinen 1937 erschienenen „Konstruktionen in der Analyse“ erschienen sind. Mein Lehrer Isakover erweiterte diese Idee des analysierenden Instruments. Davor hatte Theodor Reik eine andere Metapher gebraucht: Zuhören mit dem dritten Ohr. Meine eigene Herangehensweise war es, diese Metaphern aufzugeben und es reziproke Kommunikation zwischen Analysand und Analytiker zu nennen, reziproke freie Assoziation (Lothane, 1984, 1994). Als eine Coda hier nochmals Freud:

„ Ich bin nicht immer Psychotherapeut gewesen... und es berührt mich selbst noch eigentümlich, daß die Krankheitsgeschichten, die ich schreibe, wie Novellen zu lesen sind, und daß sozusagen des ernsten Gepräges der Wissenschaft entbehren. Ich muß mich damit trösten, daß für dieses Ergebnis die Natur des Gegenstandes offenbar eher verantwortlich zu machen ist als meine Vorliebe. ... eine eingehende Darstellung der seelischen Vorgänge, wie man sie vom Dichter zu erhalten gewohnt ist, mir gestattet, ... eine Art von Einsicht in den Hergang der Hysterie zu gewinnen.“ (GW., 1: 227).

Aber, wie gesagt, auch Wissenschaften sind Geschichten, eine spezielle Art der Literatur. Freud war nicht nur ein Philosoph, er war ein großer schöpferischer Schreiber, und seine Kreativität inspirierte uns alle.

 

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