Lehrfreiheit an der Freien Universität Berlin
In meinem Artikel „Hegemonie und Statistik in der deutschen Psychologie“ (s.
meine homepage http://userpage.fu-berlin.de/~leiser) hatte ich darüber
berichtet, wie im Studiengang Psychologie der FU Berlin systematisch
und gnadenlos meine Tätigkeit als Lehrender im Bereich Statistik/Methodenlehre
zerstört wurde. Es gab in diesem Prozeß eine Schlüsselszene,
die sich mir eingeprägt hat. Der damalige Stellvertreter des Dekans,
mit dem ich zufällig im Kopierraum zusammentraf, fragte mich (das "Du" hatte
sich aus früheren Zeiten erhalten): "Warum bestehst Du eigentlich
so hartnäckig auf dem Erhalt Deiner Statistikveranstaltung? Du hast
doch die Freiheit, etwas zu anderen und interessanteren Themen anzubieten, über
die Du arbeitest". Ich antwortete damals: "Und warum besteht
Ihr so hartnäckig darauf, meine sehr erfolgreiche Statistikveranstaltung
abzuschaffen?" Am Ende - vor nun über 10 Jahren - warf ich
das Handtuch und bot ab 2002 tatsächlich Seminare zu einer völlig
anderen Thematik an, die immer mehr in das Zentrum meiner theoretischen
und praktischen Arbeit gerückt war: der Körper
in der Psychoanalyse.
Das ging bis zum Jahr 2007 gut, als die Verantwortliche für das
Fach "Klinische Psychologie", in dessen Rahmen meine Veranstaltung
naturgemäß angeboten wurde, unversehens herausfand, meine
Seminare wären schon hinsichtlich ihrer Begrifflichkeit nicht auf
der Höhe der Zeit, da ich von "Psychosomatik" reden würde
(ich ziehe aus guten Gründen diesen Begriff dem DSM-IV Terminus "somatoforme
Störungen" vor) und hätten daher im Studienplan der "Klinischen
Psychologie" keinen Platz. Da es sich um das letzte Lehrangebot
zur Psychoanalyse im Studiengang handelte, mobilisierten sich die Studenten
und konnten schließlich durchsetzen, daß die Veranstaltung
doch noch zugelassen wurde.
Mit der nächsten, für dieses Sommersemester geplanten, Veranstaltung
zum gleichen Themenkreis, dieses Mal mit besonderem Schwerpunkt auf der
Rolle des Körpers in der klinischen Arbeit, wurde dann "kurzer
Prozeß gemacht". Die gleiche Kollegin teilte mir lakonisch
mit, daß meine Veranstaltung "einfach nicht in unser Programm
paßt". Des sinnlosen Kämpfens gegen diese Verwalter einer
neuen Hegemonie überdrüssig und mit deren totalen Mangel an
Bereitschaft und/oder Kompetenz konfrontiert, über die Relevanz
meiner Veranstaltung für die "Klinische Psychologie" inhaltlich
zu diskutieren, entschied ich zunächst, meine Lehrtätigkeit
an der FU Berlin bis auf weiteres zu suspendieren. Nach einem Monat "Verdauungsarbeit" stachen
mir dann aber die Parallelen zur Abschaffung meines Ansatzes zur Statistik/Methodenlehre
derart ins Auge, daß ich im Oktober 2008 beschloß, diesen
Prozeß einer galoppierenden Verengung und Gleichschaltung des Psychologieverständnisses
im Studiengang Psychologie der FU Berlin doch noch einmal zum Gegenstand
einer psychologiegeschichtlichen Untersuchung zu machen, in einer Veranstaltung
mit dem absichtsvoll pointierten Titel „Von der Kritischen Psychologie
zur Langeweile: Entwicklungen am Studiengang Psychologie der Freien Universität
aus psychologiegeschichtlicher Sicht." (mit dem Wort „Langeweile“ beschreiben
Studenten immer häufiger ihre Erfahrung mit der Lehre). Da ich diese
Veranstaltung aber für die Rubrik "Ergänzendes Lehrangebot" ankündigte,
eine "Spielwiese" außerhalb der Domäne der etablierten
Fächer und ihrer „Wächter“, war eine direkte Konfrontation
mit den in meiner Veranstaltung untersuchten Arbeitsbereichen eigentlich
ausgeschlossen. Für mich stand damit diese geplante Veranstaltung
schlicht und einfach in der akademischen Tradition kritischer Analysen,
aus der sich mein Grundrecht auf Lehrfreiheit ableitet.
Wie sich aber bald herausstellte, hatte ich damit das akademische
Selbstverständnis
meiner Kollegen falsch eingeschätzt: Im Februar 2009 teilt mir das
für mein Lehrangebot zuständige Mitglied der Lehrplankommission
mit, "daß die Lehrfreiheit nicht «schrankenlos»“ sei
und daß "weder Personen noch Einrichtungen der Freien Universität
Berlin ... durch eine ... Ankündigung einer Lehrveranstaltung ...
Herabsetzung erfahren dürfen.“ Man sei daher "zu der
... Entscheidung gekommen, daß ein Lehrangebot unter dem von Ihnen
gewählten Titel weder in einem der Prüfungsfächer noch
unter der Rubrik «Ergänzendes Lehrangebot» angekündigt
wird." In meiner Antwort wies ich den Kollegen darauf hin, „daß die
sicherste Methode, das Ansehen des Studiengangs und Fachbereichs herabzusetzen,
ist, auf diesem Weg der Verbots- und Zensurversuche fortzufahren".
Kurz darauf schaltete ich das Rechtsamt der FU Berlin ein, das mir am
25. Februar mitteilte: "Die ... an Sie ergangene Nachricht der Lehrplankommission
war ... keine rechtlich zulässige Entscheidung und wurde rechtsaufsichtlich
aufgehoben." Im gleichen Schreiben wurde ich gebeten, "die
noch ausstehende Entscheidung des Dekanats abzuwarten". Während
ich noch auf diese Entscheidung wartete, gab es dann Anfang März
eine neue Überraschung: auf der Homepage meines Fachbereichs "Erziehungswissenschaft
und Psychologie" fand ich unter meinem Namen eine Veranstaltung
angekündigt, mit einem vollständig "verwässerten“ Titel
und einem absolut nichtssagenden Kommentar, die sich offensichtlich der
vom Rechtsamt "zurückgepfiffene" Kollege als Ersatz für
meine kritische Veranstaltung ausgedacht hatte. Bis heute hat sich der
Dekan geweigert, mir den Namen dieses leicht zu identifizierenden Kollegen
offiziell mitzuteilen. Erst eine Woche später und nach scharfem
Protest wurde diese gefälschte Ankündigung wieder gelöscht.
Für mich war zwar die "akademische Luft" an meinem Fachbereich
seit vielen Jahren "kontaminiert", aber von nun ab löste
sie bei mir regelrechte Erstickungsanfälle aus.
Und nun das "Gran Finale" dieser "soap-opera" zum
Thema "Lehrfreiheit": Am 11. März kommt endlich die so
heiß erwartete Entscheidung des Dekans. Wortlaut: "Das Dekanat
hat in seiner Sitzung am 4.3. nach Rücksprache mit den zuständigen
Fachkollegen beschlossen, Sie zu bitten, im Rahmen Ihrer Titellehre im
kommenden Sommersemester eine Vertiefungsveranstaltung im Diplomstudiengang
entweder zu "Multivariate Datenanalyse" oder "Evaluationsforschung" anzubieten.
Durch das Ausscheiden von Frau Kollegin ... gibt es gegenwärtig
einen Engpaß in der Methodik. Da Sie jahrelang ... Methodenlehre
angeboten haben, hoffen wir, damit ein Arbeitsfeld gefunden zu haben,
das auch Ihrem fachlichen Schwerpunkt besonders entspricht“. Um
eine kritische Veranstaltung zu verhindern, wird also nicht davor zurückgeschreckt,
mich zu einer Pflichtveranstaltung zur Methodenlehre "nötigen" zu
wollen, zu einem Arbeitsbereich also, aus dem ich seinerzeit mit allen
Mitteln vertrieben wurde (s.o.) und den ich seit über 10 Jahren
für mich abgeschlossen habe.
Ich könnte mich krumm lachen, wenn das nicht so deprimierend und
erschreckend wäre: Zeuge der Scham-Losigkeit zu
sein, mit der hier die Psychologie der FU Berlin ihren Ruf demontiert,
eine Psychologie,
die noch vor 20 Jahren und weit über Deutschland hinaus ein wichtiger
Bezugspunkt für Forschung, Lehre und Innovation in diesem
Fach war.
Eckart Leiser
Sehr geehrter Herr Böttcher,
danke für Ihr Interesse an meiner Geschichte. Ich weiß nicht,
ob Sie sich über meine Homepage oder über meinen Blog http://lehrfreiheit.blogger.de
informiert haben.
In beiden Fällen habe ich nichts gegen eine Veröffentlichug.
Mit freundlichem Gruß
Eckart Leiser.
Prof. Dr. Eckart Leiser
Freie Universität
Berlin; Studiengang Psychologie
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FAX-HOME:+34/976690131
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http://userpage.fu-berlin.de/~leiser
Leiser, Eckart
Das Schweigen der Seele. Das Sprechen des Körpers
Psychoanalytische Zugänge zum Körper und dessen Leiden
Buchreihe: Bibliothek der Psychoanalyse
233 Seiten, Broschiert
Format: 148 x 210 mm
Erschienen im Juni 2007
ISBN 13: 9783898065757, ISBN 10: 3-89806-575-8
Bestell-Nr.: 575
Lieferstatus: verfügbar
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