LUZIFER – AMOR
Zeitschrift zur Geschichte der Psychoanalyse
Herausgeber: Dr. Michael Schröter
Die Zeitschrift LUZIFER-AMOR erscheint
zweimal jährlich bei edition diskord
(Schwärzlocher Str. 104B, 72070 Tübingen).
Sie kostet 30.00 € pro Jahr im Abonnement bzw. 18.00 € als
Einzelheft.
Jedes Heft hat einen Themenschwerpunkt, eine Abteilung
mit thematisch ungebundenen Forschungsarbeiten und einen ausführlichen
Rezensionsteil. Weitere Rubriken sind „Quellentexte“ und „Kleine
Mitteilungen“.
Heft 40 (2007): Kurt R. Eissler
Editorial
In diesem Jahr feiert LUZIFER-AMOR, die weltweit älteste
Zeitschrift zur Geschichte der Psychoanalyse, ihr zwanzigjähriges
Bestehen. Passend dazu ist das vorliegende Jubiläumsheft einer
der zentralen Gestalten in der Entwicklung unseres Gebiets gewidmet:
Kurt Robert Eissler.
Es gibt niemanden, dem die Freud-Forschung so viel
zu verdanken hat wie Eissler, und niemanden, der von Freud-Forschern
so gescholten wurde wie er. Der Anspruch auf Dankbarkeit ist objektiv-bleibend,
kommt aber kaum zur Geltung, die Schelte ist subjektiv-ephemer und
drängt sich lautstark nach vorn. Wer in Washington in der Library
of Congress die Sammlung der Sigmund Freud Papers benutzt, nimmt
deren Verfügbarkeit fraglos hin und denkt nicht an den Mann,
der sie aufgebaut hat. Wer jedoch auf einen Hinweis stößt,
der den Zugang zu einzelnen Dokumenten versperrt (es werden immer
weniger), entflammt in Empörung über ihn, der die Restriktion
mit Rücksicht auf Donatoren und Interviewpartner verhängt
hat, und schimpft, als ob die Freiheit der Wissenschaft auf dem Spiel
stünde und nicht primär das eigene Projekt.
Die Energie, die Eisslers Archiv-Unternehmen antrieb,
entsprang seiner unendlichen Wertschätzung für das Genie
Freuds. Diese ließ ihn auch immer wieder zur Feder greifen,
wenn er fand, dass der Begründer der Psychoanalyse von einem
Autor in ein schiefes Licht gerückt wurde. Dass sich die Freud-Biographik
jahrzehntelang in einem polarisierten Feld zwischen Idealisierung
und Denkmalsturz bewegte, war nicht zuletzt eine Folge seines eifernden,
obwohl in der Sache meist gut begründeten Engagements. Und als
wäre dies nicht genug, wurde Eissler auch zum exemplarischen
Gegner all derer, die für eine weniger rigide Handhabung der
psychoanalytischen Technik eintraten, weil er einen der kanonischen
Texte zur Begründung der „klassischen“, auf Neutralität
des Analytikers abzielenden Technik geschrieben hat.
Durch seine Freud-biographischen Schriften, aber auch
durch seine großen Untersuchungen über Goethe oder Leonardo
da Vinci hat Eissler in den 1970er–1990er Jahren, besonders
im deutschsprachigen Bereich, so viel zur Außenwirkung der
Psychoanalyse beigetragen wie kaum jemand sonst. Wer aber war dieser
wirkmächtige, vielumstrittene Mann? Über seine Person und
sein Leben wusste man bisher wenig. Diese Lücke versucht der
erste Beitrag zum Themenschwerpunkt ein wenig zu schließen.
Thomas Aichhorn und Michael Schröter legen umfangreiche Auszüge
aus dem Briefwechsel vor, den Eissler 1945–1949 mit seinem
Wiener Mentor August Aichhorn geführt hat. Es ist eine widersinnig
anmutende Paarung: hie Eissler, die scheinbare Inkarnation der Freud-Orthodoxie,
da Aichhorn, der zutiefst innovative Begründer eines neuen Felds
psychoanalytischer Praxis. Eissler, der so wenig von sich preisgab,
wird in diesen Briefen als ein leidenschaftlicher Mensch erkennbar,
in Liebe, Hass – und Selbstkritik. Nicht zuletzt bietet er
uns eine Binnensicht der Emigrationserfahrung, die in der psychoanalysehistorischen
Literatur einzig dasteht. Und an Aichhorn bewundert man den Takt,
mit dem er die glühende Übertragung des anderen väterlich
annimmt, freundschaftlich erwidert und realistisch einhegt.
Dass das Bild von Eisslers dogmatischer Strenge in
puncto analytische Technik mehr einem Klischee entsprechen könnte
als der Realität, legt der folgende Beitrag nahe, in dem Emanuel
E. Garcia die wichtigsten klinischen Arbeiten Eisslers vorstellt.
Als Hauptkennzeichen seines therapeutischen Ansatzes tritt die Flexibilität
hervor, mit der er auf die jeweiligen Erfordernisse der Patienten
einging, getragen von einer umfassenden Aufmerksamkeit für die
analytische Situation (einschließlich so wenig beachteter Facetten
wie der Honorarfrage). Ulrich Weinzierl erzählt von seiner persönlichen
Beziehung zu dem Mann, der hier erneut als warmherziger Freund erscheint,
diesmal in der Position des Älteren. So wie Eissler zur Verehrung
fähig und bereit war, so zog er die Verehrung Jüngerer
auf sich, was seine Wirkungsgeschichte erheblich mitgeprägt
hat.
Die beiden thematisch freien Aufsätze des Hefts
schließen gut an den Schwerpunkt an. Im ersten weist Gerhard
Fichtner nach, dass Freuds Text über „Psychische Behandlung
(Seelenbehandlung)“ zu Unrecht auf 1890 datiert worden ist;
die Erstveröffentlichung war im Jahr 1905. Bei einer Neuauflage
des Werks, in dem der Text erschien, fügte Freud 1918 eine aktualisierende
Erweiterung hinzu, die bisher ganz unbekannt war und hier erstmals
wieder abgedruckt wird. Eveline List würdigt den Pionier der
Psychoanalysegeschichte in Österreich, Wolfgang Huber. Sie arbeitet
besonders heraus, wie sich Huber von seinem katholischen Hintergrund
abgelöst und mit ihm auseinandergesetzt hat. En passant berührt
sie auch seinen Kontakt mit Eissler.
In Eisslerschem Geist, aber ohne Apologetik stellt
Albrecht Hirschmüller klar, dass die Tatsache, dass Freud auf
einer Ferienreise ein gemeinsames Zimmer für sich und seine
Schwägerin gebucht hat, noch kein Beleg für eine intime
Beziehung der beiden ist. Helmut Dahmer betrachtet eine neue Mitscherlich-Biographie.
Eine Liste von jüngsten Arbeiten zur Psychoanalysegeschichte
in deutsch- und englischsprachigen Zeitschriften beschließt,
wie jeden Herbst, das Heft.