LUZIFER – AMOR
Zeitschrift zur Geschichte der Psychoanalyse
Herausgeber: Dr. Michael Schröter
Die Zeitschrift LUZIFER-AMOR erscheint zweimal jährlich bei edition
diskord
(Schwärzlocher Str. 104B, 72070 Tübingen).
Sie kostet
30.00 € pro Jahr im Abonnement bzw. 18.00 € als Einzelheft.
Jedes Heft hat einen Themenschwerpunkt, eine Abteilung mit thematisch
ungebundenen Forschungsarbeiten
und einen ausführlichen Rezensionsteil. Weitere
Rubriken sind „Quellentexte“ und „Kleine Mitteilungen“.
Soeben ist erschienen:
Heft 41 (2008): Faszination Freud.
Außerordentliches Symposion zur Geschichte der
Psychoanalyse
(Tübingen,
29. September 2007)
Editorial
Es gibt seit jeher eine enge Verbindung zwischen LUZIFER-AMOR und dem jährlichen
Symposium für Geschichte der Psychoanalyse, das 1987 in Kassel gegründet
wurde und seit 1996 in Tübingen stattfindet. Beide Einrichtungen sind
gleich alt: Kinder der damaligen vibrierenden Stimmung des Aufbruchs in
der deutschsprachigen Psychoanalysegeschichte, aus der eine Bewegung erwuchs,
die seither viele Früchte getragen hat.
Das wichtigste Zentrum dieser Bewegung ist zweifellos
das Tübinger
Institut für (Ethik und) Geschichte der Medizin mit den Professoren
Gerhard Fichtner und Albrecht Hirschmüller, die das regelmäßige
Symposium ausrichten. Als deshalb der Plan auftauchte, im September 2007
den 60. Geburtstag von Albrecht Hirschmüller durch ein Symposion außer
der Reihe mit vier geladenen Referenten zu feiern, lag es nahe, die Beiträge
in einem speziellen Themenschwerpunkt von LUZIFER-AMOR zu versammeln, als
Ausdruck der Wertschätzung und Gratulation. Dass die Veranstaltung
wesentlich im Zeichen der „Faszination Freud“ stand, war so
nicht geplant gewesen, zeigte sich aber im Lauf der Dinge – und
hatte dann auch seine Richtigkeit in Bezug auf die Person des Jubilars.
Im ersten Schwerpunkt-Beitrag betrachtet Michael Schröter die Briefe
Freuds an seine fünf älteren Kinder. Er findet, dass Freud ein
liberaler, durchaus präsenter Vater war: präsent in der zuverlässigen
Verfügbarkeit in Krisen- oder Ausnahmesituationen und liberal, insofern
er zwar wusste und sagte, was er für richtig hielt, den Kindern aber
zugleich Raum für eigenes, abweichendes Denken und Handeln ließ.
Die Qualitäten, die er als Vater zeigte, kamen auch seinen Patienten
zugute. Den krummen Weg, auf dem sich der Beziehungsaspekt allmählich
in der Psychoanalyse durchsetzte, beleuchtet André Haynal. Am Anfang
stand die Beobachtung „okkulter“ Phänomene z. B. durch
Freud und Ferenczi, die dann zunehmend als Äußerungen der Übertragung
und Gegenübertragung, aber auch der Identifizierung begriffen
wurden, bis sich Formen der Deutung entwickelten, die nicht mehr
auf historische
Rekonstruktion, sondern auf Beziehungsmodifikationen abhoben.
Im Zuge seines breiten Nachdenkens über nicht-verbale Aspekte des
Traums beschreibt Joachim F. Danckwardt anhand einiger Kunstwerke, wie
die Arbeit mit bildnerischen Mitteln Bewusstsein aus dem Ozean des inneren
und äußeren Unbewussten zu schaffen vermag, und analysiert ein
Beispiel aus der Traumdeutung, wo Freud den Weg der Traumarbeit, die sich
vielfach derselben Mittel bedient, indem sie u. a. Affekte durch Farben
darstellt, in umgekehrter Richtung zurückverfolgt. Gerhard Fichtner
entwirft ein Bild von Samuel Hammerschlag mit Frau und Kindern, beschreibt
die Beziehung Freuds zu ihnen, dokumentiert dessen Briefe an sie, macht
verständlich, warum gerade sein Religionslehrer Hammerschlag einen
tiefen Eindruck auf den jungen Freud machte, und bekräftigt nicht
zuletzt, dass Anna Lichtheim-Hammerschlag hinter der „Irma“ im
bekannten „Mustertraum“ der Traumdeutung steckt.
Auch einige der folgenden Beiträge stehen, sei’s gezielt
oder de facto, in einer Beziehung zu Albrecht Hirschmüller. Michael
Molnar prüft anhand eines Photos, das Freud mit Ehefrau, Schwägerin
und Mutter zeigt, was sich historisch über die angebliche „Minna-Affäre“ ausmachen
lässt. Er erklärt die Frage für unentscheidbar und
verlegt den Fokus des Interesses mit Hilfe von Freuds Verlobungskorrespondenz
auf
die anhaltende Beziehungsarbeit hinter der Ehe. Ein Forschungsschwerpunkt
des Tübinger Instituts ist das Archiv der ehemaligen Privatklinik
Bellevue in Kreuzlingen, das in einer Reihe von Dissertationen unter
Hirschmüllers
Leitung ausgewertet wird. In diesem Kontext entstand die Arbeit von
Andrea Henzler über Ludwig Binswangers Technik in seinen ersten
psychoanalytischen Fällen. Man sieht, wie Binswanger aus dem
Forschungsinstrument des Assoziationsexperiments ein Mittel der Therapie
zu schmieden versuchte,
wie die Übertragungen durch die Sanatoriumssituation beeinflusst
wurden und wie hilflos der Analytiker vor der Fülle an sexualisiertem
Material stand, dessen Produktion er forcierte.
Claudia Frank stellt ein unveröffentlichtes Papier von Melanie Klein über
Don Juan vor. Sie untersucht die historische Situation von 1939, in der
es entstand, und gibt mit ausführlichen Zitaten seine Hauptthesen
wieder. Don Juans Genitalität ist nach Klein von oralen Impulsen und Ängsten
bestimmt und dient der Abwehr eines depressiven Zusammenbruchs. Hartmut
Buchholz untersucht den Einfluss der Psychoanalyse auf Wolfgang Hildesheimer,
der sich 1940 in Jerusalem einer Analyse unterzog. Deren wohltätige
Nützlichkeit und intellektuelle Fruchtbarkeit pries Hildesheimer sein
Leben lang und stellte sie z. B. in seinen Büchern über Mozart
und den fiktiven Kunsttheoretiker Sir Andrew Marbot unter Beweis. Eine
Mitteilung über Hans Prinzhorns Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse
in den 1920er Jahren steuert Klaus Hoffmann bei.
Mit einem Nachruf von Roland Kaufhold gedenkt LUZIFER-AMOR Ernst
Federns, der in den ersten Jahren der Zeitschrift eine tragende Rolle
für sie
spielte.