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Evidenzbasierte Psychotherapie oder "des Kaisers neue Kleider"

Prof. Dr. Mark Helle (2006)

Leitlinien im Spannungsfeld von
Wissenschaft, Ökonomie und therapeutischer Praxis.


In J.Hardt (Hg.) Gesellschaftliche Verantwortung und Psychotherapie. (S. 209 – 219).
Gießen: Psychosozial-Verlag.

»› Seht, ich bin fertig!‹ sagte der Kaiser. ›Sitzt es nicht gut?‹ Und dann wandte er sich nochmals vor dem Spiegel; denn es sollte scheinen, als ob er seinen Schmuck recht betrachte. Die Kammerherren, welche die Schleppe tragen sollten, griffen mit den Händen nach dem Fußboden, gerade als ob sie die Schleppe aufhöben. Sie gingen und taten, als ob sie etwas in der Luft hielten; denn sie wollten es nicht merken lassen, dass sie nichts sehen konnten. So ging der Kaiser unter dem prächtigen Thronenhimmel, und alle Menschen auf der Straße und in den Fenstern sprachen: ›Gott, wie sind des Kaisers neue Kleider unvergleichlich. Welche
Schleppe er am Kleide hat. Wie schön das sitzt!‹ Keiner wollte zugeben, dass er nichts sah; denn dann hätte er ja nicht zu seinem Amt getaugt oder wäre sehr dumm gewesen.« (Andersen 1966, S. 117 f)

1. Einleitung
Zunächst mag sich der Leser fragen, was Andersens Märchen »Des Kaisers neue Kleider« mit Psychotherapieleitlinien gemeinsam haben könnte. Bei genauerer Betrachtung stellt sich allerdings heraus, dass die Nähe beinahe beängstigend ist: Statt der Komplexität von Psychotherapie und den damit verbundenen Prozessen gerecht zu werden, scheinen eine Reihe von Psychotherapieforschern vor dieser Aufgabe zu kapitulieren, indem die psychotherapeutische Wirklichkeit auf das unter laborähnlichen Bedingungen Machbare reduziert wird und diese so gewonnen Erkenntnisse mit dem Titel »evidenzbasierte Psychotherapie« belegt werden. Diese evidenzbasierten Psychotherapien bilden nun die
zentralen Inhalte gegenwärtiger Behandlungsleitlinien und sollen von den praktizierenden Psychotherapeuten »bewundert« werden, da mit diesem Wissen die Patienten angeblich effizienter gesund werden.

Während im Märchen zwei betrügerische Weber am Werke sind, die Seide und Geld in die eigene Tasche stecken, also mit der Absicht der Selbstbereicherung handeln, scheinen im Falle der Psychotherapieleitlinien eher Weber am Werk zu sein, die für den Kaiser schönere Kleider herstellen möchten, als die Qualität ihres Materials zulässt.

Gegenwärtig sind von der AWMF (Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften) 54 Leitlinien zur Behandlung von Menschen mit psychischen Störungen publiziert worden und über das Internet abrufbar. Das Spektrum reicht
von Leitlinien zur Behandlung von Enkopresis bis hin zur Behandlung von Persönlichkeitsstörungen. Bei oberflächlicher Betrachtung erweckt diese jüngste Entwicklung den Eindruck, dass unser Versorgungssystem einen Punkt erreicht hat, an dem Psychotherapeuten und Psychotherapeutinnen nicht mehr nach ihren persönlichen Überzeugungen behandeln, sondern endlich verpflichtet sind, die in den Behandlungsleitlinien zusammengetragenen empirisch abgesicherten Erkenntnisse, die »the state of the art - Behandlungen« ausmachen, zukünftig systematisch in ihre Behandlungsplanung zu integrieren.

Diese Entwicklung mag als ein weiterer wichtiger Schritt im Rahmen der Professionalisierung psychotherapeutischen Arbeitens gesehen werden, da so mehr Transparenz geschaffen wird, und Patienten, Psychotherapeuten sowie die Kostenträger in gleichem Masse über bestehende Qualitätsstandards informiert sind und diese z. B. bei Fragen der Evaluation, der differentiellen Indikation oder auch der Bewilligung von Psychotherapie zu Grunde legen können.

Wenn aber die Basis solcher Standards an der Wirklichkeit der psychotherapeutischen Versorgungslandschaft und somit an den realen Bedürfnissen der Menschen mit psychischen Störungen vorbeigeht, ist nicht nur der Nutzen solcher Leitlinien in Zweifel zu ziehen. Sondern darüber hinaus lässt sich die Frage stellen, welche Konsequenzen diese Entwicklung für unser zukünftiges psychotherapeutisches Denken und Arbeiten haben wird? Inwieweit wird dies zu einer Einengung des derzeit bestehenden psychotherapeutischen Versorgungsangebotes führen und somit mittel- und langfristig ganz entgegen der eigentlichen Intention zu einer deutlichen Verschlechterung der derzeit bestehenden Qualitätsstandards, sowohl in der psychotherapeutischen Versorgung als auch in der Ausbildung von Psychologischen Psychotherapeuten, führen?

Ziel dieses Beitrags ist es zum einen, auf die Gefahren aufmerksam zu machen, die drohen, wenn Leitlinien – wie sie gegenwärtig erstellt werden – kritiklos und auf direktem Wege in die Praxis übernommen werden. Zum anderen soll deutlich werden, dass in der derzeitigen Konzeption und Umsetzung von Leitlinien systematisch gegen die wissenschaftlichen Prinzipien verstoßen wird, für deren Hüter sich viele der Autoren von Leitlinien verstehen. Die wissenschaftlich anspruchsvollen und hoch kontrollierten Studien, welche die Basis der Erstellung von Leitlinien bilden, weichen in so vielen Punkten von der psychotherapeutischen Versorgungswirklichkeit ab, dass eine Generalisierung der so gewonnenen Erkenntnisse auf die psychotherapeutische Praxis unzulässig und unwissenschaftlich ist.

2. Leitlinien: Eine Begriffsklärung
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Sehr geehrter Herr Böttcher,
mit Erlaubnis der Redaktion des Psychosozial Verlags wollte ich
anfragen, ob Interesse besteht, den von mir mitgesendeten Beitrag auf
den Seiten der Berliner Blätter für Psychoanalyse und Psychotherapie
abzulegen.
Herzliche Grüße
Mark Helle

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Prof. Dr. Mark Helle

Prodekan für Studium und Lehre
Fachbereich Angewandte Humanwissenschaften

Hochschule Magdeburg-Stendal (FH)
Osterburger Straße 25
39576 Stendal
Tel. 03931 2187- 4865
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