LUZIFER – AMOR
Zeitschrift zur Geschichte der Psychoanalyse
Herausgeber: Dr. Michael Schröter
Die
Zeitschrift
LUZIFER-AMOR
erscheint zweimal
jährlich bei edition
diskord (Schwärzlocher Str. 104B, 72070 Tübingen).
Sie kostet 30.00 € pro Jahr im Abonnement bzw. 18.00 € als
Einzelheft.
Jedes Heft hat einen Themenschwerpunkt,
eine Abteilung mit thematisch ungebundenen Forschungsarbeiten und
einen
ausführlichen
Rezensionsteil. Weitere Rubriken sind „Quellentexte“ und „Kleine
Mitteilungen“.
Heft 39 (2007): Emigrantenschicksale
Editorial
Das Thema „Emigration“ ist für eine Zeitschrift wie
LUZIFER-AMOR ein bleibender, unumgänglicher Schwerpunkt – aus
zwei Gründen. Zum einen, weil die Verfolgung der Juden durch die
Nationalsozialisten einen Großteil der besten Vertreter der Freud-Schule,
die bis in die 1930er Jahre auf Wien, Berlin und Budapest konzentriert
waren, zum Exodus zwang, so dass sich die mitteleuropäischen Traditionen
der Psychoanalyse in anderen Teilen der Welt ausbreiteten, was die Geschichte
des Fachs mitgeprägt hat. Dies ist der objektive, wissenschaftshistorische
Grund. Hinzu kommt ein subjektiver, moralischer Grund, der in besonderem
Maße für deutsche Forscher gilt: viele von ihnen empfinden
eine Verpflichtung, durch Erinnerungsarbeit zur Bewältigung deutscher
Schuld beizutragen – auch der zurechenbaren Schuld, die deutsche
Analytiker gegenüber ihren jüdischen Kollegen auf sich geladen
haben – und sich der Verluste zu vergewissern, die ihre eigene
wissenschaftliche Tradition durch die Geschehnisse der Nazizeit erlitten
hat. Beide Aspekte spielen in unterschiedlichem Mischungsverhältnis
in den Beiträgen zum Themenschwerpunkt dieses Hefts eine Rolle.
Die gründliche Arbeit an Quellen, auf der sie alle beruhen, gewinnt
je nachdem, welcher Aspekt vorherrscht, eine spezifische Qualität:
im einen Fall dient sie mehr den Regeln des historiographischen Metiers,
im anderen der Abwehr des Vergessens.
Edith Weigert(-Vowinckel), deren Leben und Werk Maren
Holmes darstellt, spielte in Washington, D. C., wohin ihr Weg sie
schließlich führte,
eine wissenschaftshistorisch bedeutsame Rolle. Sie war selbst keine Jüdin,
sondern verließ Deutschland um ihres jüdischen Mannes willen
und zog zunächst in die Türkei. In Washington trug sie durch
ihre integrative Tendenz dazu bei, dass die dortige Vereinigung nicht
am Konflikt zwischen der IPV-Gruppe und den Sullivan-Anhängern zerbrach.
Mit seinem Beitrag über Hans Erich Haas, der als erster Analytiker
in Köln praktizierte, will Ulrich Schultz-Venrath nicht zuletzt
seine Kölner Kollegen an ein vergessenes Kapitel der Lokalgeschichte
erinnern. Als Haas 1936 nach England emigrierte, ging er wieder in die
Provinz und wirkte als Pionier der Freud-Schule in Birmingham. Er repräsentiert
den Beginn einer „Normalisierung“ der Psychoanalyse, die
in Deutschland zunächst steckenblieb: ihrer Etablierung als therapeutisches
Spezialfach, getragen von Praktikern ohne dezidiertes Forschungsinteresse.
Ebenfalls zum „Fußvolk“ der Bewegung zählte Hans
Kalischer, über den Anne Hermanns schreibt. Er war Pädagoge,
Mitglied des Berliner Kreises um Siegfried Bernfeld. Sein Lebenslauf
zeigt einmal mehr, wie schwer es Nicht-Ärzte hatten, die sich in
den USA als Analytiker niederzulassen suchten. Bezeichnend auch, dass
es für Leute wie Kalischer, die sich für die Psychoanalyse
interessierten, noch kein geregeltes Curriculum gab – auch der
Aufbau eines solchen wurde durch die Nazis abgeschnitten –,
so dass er keine abgeschlossene analytische Ausbildung
aufweisen konnte.
Anna Kattrin Kemper, von der Hans Füchtner berichtet, gehörte
der nächsten Generation an. Ihr Wechsel von Berlin nach Rio de Janeiro
fand erst 1948 und unter entsprechend anderen Bedingungen statt. An der
Seite ihres Mannes, Werner Kemper, beteiligte sie sich tatkräftig
am Aufbau psychoanalytischer Institutionen in ihrer neuen Heimat. Bei
ihr fallen weniger die Belastungen als die Chancen ins Auge, die mit
der Emigration verbunden sein konnten. Sie stieg ohne formelle Ausbildung
bis zur Position einer Lehranalytikerin auf, was anderswo unmöglich
gewesen wäre. Allerdings trug sie so auch das ihre zu den Turbulenzen
bei, von denen die Psychoanalyse in Rio immer wieder erschüttert
wurde.
In der Abteilung der freien Beiträge teilt Renate Müller-Buck
ihren Fund mit, dass die angebliche psychoanalytische Behandlung von
Friedrich Nietzsche bei Josef Breuer zwar eine Roman-Phantasie ist, die
aber einer realen Episode in den 1880er Jahren erstaunlich nahekommt.
Michael Molnar betrachtet eine Photographie vom Anfang des 20. Jahrhunderts,
auf der drei unbekannte Jungen und ein abgeschnittener Arm zu sehen sind.
Er vermutet, dass einer der Jungen der zwölfjährige Ernst,
Freuds jüngster Sohn, sei, und deutet das Bild entsprechend aus.
Bei alledem reflektiert er die merkwürdige Schwebe, in der seine
Analyse dadurch bleibt, dass die faktische Richtigkeit dieser Identifizierung
ganz unsicher ist, ähnlich wie bei einer Kindheitserinnerung. Von
der betrüblichen Entdeckung eines Plagiats erzählt
Ulrike May: Johannes Cremerius hat in seiner
Einleitung zu Karl Abrahams
Gesammelten
Werken bei Ernest Jones abgeschrieben.
Zum Schluss bleibt dankbar zu vermerken,
dass sich Magdalena Frank bereit erklärt hat, ihre langjährige Erfahrung als Verlagslektorin
in den Dienst von LUZIFER-AMOR zu stellen. Mit ihrer Hilfe war es leichter,
im vorliegenden Heft einen Schritt zu tun, der früher oder später
unvermeidlich war: die Umstellung auf die
neuen Rechtschreibregeln, an denen sich
ohnehin immer
mehr Autoren orientieren.
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