Pressemitteilung
Psychodynamische Langzeittherapie
bei komplexen psychischen
Störungen
wirksamer als Kurzzeittherapie
Lisa Dittrich, Referat für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Justus-Liebig-Universität Gießen
09.10.2008
Veröffentlichung eines Gießener Wissenschaftlers in der Zeitschrift "JAMA"
Die Therapie psychischer Störungen braucht Zeit: Psychodynamische
Langzeittherapie, die über mindestens ein Jahr oder über mindestens
50 Sitzungen durchgeführt wird, ist bei Patienten mit komplexen
psychischen Störungen, wie zum Beispiel Persönlichkeitsstörungen
oder chronifizierten Störungen, nicht nur wirksam, sondern kürzeren
Therapie signifikant überlegen. Dies geht aus einer in der aktuellen
Ausgabe der Zeitschrift "JAMA" (Journal of the American Medical
Association) veröffentlichten Meta-Analyse von Prof. Dr. Falk Leichsenring,
Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie an der Universität
Gießen, und Dr. Sven Rabung, Institut für Medizinische Psychologie
am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, hervor.
Dosis-Wirkungs-Untersuchungen haben gezeigt, dass Kurzzeittherapie
bei einem beträchtlichen Anteil von Patienten mit chronifizierten psychischen
Störungen oder Persönlichkeitsstörungen unzureichend ist.
Einige Studien gaben jedoch Hinweise darauf, dass psychodynamische Langzeittherapie
("long-term psychodynamic psychotherapy", LTPP) gerade für
diese Patienten hilfreich sein könnte.
Psychodynamische Therapie untersucht, wie die Beschwerden
der Patienten mit ihren intrapsychischen und interpersonellen Konflikten
oder auch
Beeinträchtigungen in psychosozialen Kompetenzen zusammenhängen.
Diese Konflikte und Beeinträchtigungen werden in der Therapie durchgearbeitet.
In der LTPP wird dabei der Therapeut-Patient-Beziehung besondere Aufmerksamkeit
geschenkt.
Prof. Leichsenring und Dr. Rabung haben eine anspruchsvolle
Meta-Analyse zur Effektivität von LTPP (Dauer mindestens ein Jahr oder 50 Sitzungen)
durchgeführt. Sie gingen vor allem auch der Frage nach, ob sich
LTPP bei komplexen psychischen Störungen gegenüber kürzeren
Formen der Psychotherapie als überlegen erweisen würde. Komplexe
Störungen wurden definiert als chronifizierte psychische Störungen
(definiert über eine Krankheitsdauer von über einem Jahr),
multiple psychische Störungen (gleichzeitiges Vorliegen mehrerer
psychiatrischer Diagnosen) oder als Persönlichkeitsstörungen.
Die beiden Wissenschaftler bezogen 23 hochwertige Studien in die Meta-Analyse
ein (elf randomisiert-kontrollierte Studien und zwölf Beobachtungsstudien),
welche insgesamt 1.053 Patienten, die mit LTPP behandelt wurden, einschlossen.
Nach den Ergebnissen von Leichsenring und Rabung war LTPP den kürzeren
Formen der Psychotherapie im direkten Vergleich signifikant überlegen.
Dies gilt für die generelle Wirksamkeit, für die Zielprobleme
der Patienten sowie für Persönlichkeitsveränderungen.
Die Autoren führten ergänzend separate Auswertungen
für
verschiedene Störungsbilder durch. Den Ergebnissen zufolge erzielte
LTPP große und dauerhafte Effekte bei der Behandlung von Patienten
mit Persönlichkeitsstörungen, multiplen psychischen Störungen
und chronifizierten psychischen Störungen. Dies gilt auch für
komplexe depressive Störungen und Angststörungen. Die während
der Behandlung mit LTPP erzielten Effekte nahmen nach dem Ende der
Therapie bis zur Follow-Up-Untersuchung sogar noch signifikant zu.
Im Hinblick auf die generelle Wirksamkeit von LTPP kommt
die Meta-Analyse zu dem zentralen Ergebnis, dass es Patienten mit komplexen
psychischen
Störungen nach der Behandlung mit LTPP im Durchschnitt besser geht
als 96 Prozent der Patienten in den Vergleichsgruppen, die kürzere
Therapien erhalten haben.
Kontakt:
Prof. Dr. Falk Leichsenring
Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie
Ludwigstr. 76, 35392 Gießen
Telefon: 0641 99-45660, Fax: +49 641 99-45664
E-Mail: falk.leichsenring@psycho.med.uni-giessen.de
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