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Zum nachfolgenden Bericht und Interview 
erhielten wir einen Kommentar von Prof. Dr. Eva Jaeggi 

Betr.: Hugo-Münsterberg-Medaille an Grawe Ich bin empört darüber, daß man im BdP so wenig Fingerspitzengefühl bei der Auswahl des Kandidaten bewiesen hat. Grawe hat mit einer höchst fragwürdigen Studie eine Politik erleichtert, die gerade sehr vielen Psychotherapeuten, die bisher vom BdP als "Klinische Psychologen" im Erstattungsverfahren gefördert wurden, die Existenzgrundlage entzogen hat. Die vielfältigen Widerlegungen der allzu weit gefaßten Aussagen dieser mit unzähligen Fehlern behafteten Studie wurden offensichtlich nicht zur Kenntnis genommen. Im Buch von Fäh und Fischer (Sinn und Unsinn in der Psychotherapieforschung) sind die wichtigsten dieser Argumente zusammengefaßt. Sie sind offenbar nicht ernst genommen worden. Die Verleihung der Medaille ist sowohl unter wissenschaftlichen wie auch unter politischen Gesichtspunkten ein Unding und leider wieder einmal ein Zeichen dafür, daß im BdP politischer und wissenschaftlicher Scharfsinn nicht immer beheimatet sind. Eva Jaeggi

Zu weiteren zum Thema "Grawe" eingegangenen Kommentaren (20.10.99)

und einem neuen Hinweis (22.10.99)

Die Berliner Morgenpost überließ uns folgende Meldungen:

uni

Samstag, 9. Oktober 1999

Die Spreu vom Weizen trennen

Auf dem 5. Psychologentag in Berlin erhielt Prof. Klaus Grawe die Hugo - Münsterberg - Medaille

Für eine Forschungsarbeit, die auf dem Gebiet der Psychotherapie die Spreu vom Weizen trennt, wurde Professor Klaus Grawe (Universität Bern) auf dem 5. Deutschen Psychologentag in Berlin mit der Hugo-Münsterberg-Medaille ausgezeichnet. Hugo Münsterberg (1863 - 1916) lehrte in Heidelberg und Harvard und machte wie kein anderer die streng experimentelle wissenschaftliche Psychologie für den Alltag anwendbar. Seine bahnbrechende Arbeit erläutert der Therapieforscher im Gespräch mit Renate Kingma.

Klaus Grawe: Von den rund 450 Therapiearten, die in einem modernen Handbuch aufgelistet sind, haben wir etwa ein Zehntel einer kritischen Prüfung unterziehen können. Von denen lagen rund 3500 Studien vor, aber nur 900 genügten den wissenschaftlichen Vergleichskriterien. Einer computergestützten Metaanalyse, die fast 15 Jahre gedauert hat.

Berliner Morgenpost: Wie wurde verglichen?

Grawe: Wir haben unter anderem geprüft, ob eine klare Anwendungsdiagnose zu Grunde liegt, ob sich ein wissenschaftlich begründeter Wirkungsnachweis führen lässt und ob nicht nur Anfang und Ende, sondern auch der Verlauf der Therapie gut dokumentiert worden ist.

BM: Was sind die wichtigsten Resultate dieser Analyse?

Grawe: Von allen Therapieformen lieferten Verhaltenstherapie und Gesprächstherapie, mit großem Abstand dann aber auch tiefenpsychologische Verfahren die besten Ergebnisse. Sie sind deshalb auch in das Psychotherapeutengesetz aufgenommen worden.

BM: Und welche sind in diesem Sinne unseriös?

Grawe: Die Hypnosetherapie ist gut untersucht, eignet sich aber nicht für jeden Patienten. Die Gestalttherapeuten haben begonnen zu forschen. Für die klassische Psychoanalyse liegen bisher keine überzeugenden Untersuchungen vor. Als unseriös darf man Bioenergetik und Neurolinguistisches Programmieren (NLP), aber auch Rebirthing, Urschrei und Psychodrama bezeichnen, um nur die wichtigsten zu nennen. Und natürlich alles, was in den Bereich der Esoterik gehört.

BM: Sie plädieren inzwischen für eine schulenübergreifende «allgemeine» Psychotherapie, die in Bern anerkannter Studiengang ist. Kann man so verschiedene Methoden «vermischen»?

Grawe: Ja, denn wissenschaftlich gut begründete Therapieformen haben im Grunde alle die gleichen Wirkfaktoren. Das ist vor allem Vertrauen zwischen Therapeut und Klient, aber es müssen auch nicht nur das zentrale Problem, sondern die dahinter stehenden Motive geklärt werden. Und das Problem muss natürlich bewältigt werden, aber nicht durch Vorgaben oder «Rezepte» des Therapeuten, sondern indem dieser dem Klienten hilft, eigene Kräfte zu aktivieren, wieder selbständig zu werden.

© Berliner Morgenpost 1999

Anmerkung der Redaktion der Berliner Blätter für Psychoanalyse und Psychotherapie:

Schade, daß sich Klaus Grawe in diesem Interview nicht mit der breiten wissenschaftlichen Kritik an seinen Forschungsergebnissen und an der Brauchbarkeit seiner statistischen Designs auseinandergesetzt hat. So wirkt die Ehrung durch die Hugo - Münsterberg - Medaille doch ein wenig wie ein Lob derer, die sich selbst immer wieder bestätigen. Man muß ihm aber dafür dankbar sein, daß er schließlich auch die Anwender, der von ihm z.T. sehr negativ dargestellten Psychotherapieverfahren, zur Erforschung der Wirksamkeit ihrer Verfahren motiviert hat. Deren z.T. inzwischen sehr überzeugenden Arbeiten, hätten in diesem Interview aber mindestens eine Erwähnung verdient. Das ist die Kehrseite der Medaille, durch die er eben gewürdigt worden ist.  


uni Dienstag, 5. Oktober 1999

Zukunft Mensch

Beim deutschen Psychologenkongress an der FU diskutieren Wissenschaftler die Entwicklung ihres Fachs

Von Renate Kingma

Wenn am Donnerstag dieser Woche an der Freien Universität Berlin (FU) der 20. Kongress für Angewandte Psychologie mit über 1200 Teilnehmern aus dem deutschsprachigen Raum und nahezu 450 Einzelveranstaltungen zum Thema «Zukunft Mensch - die Republik im Umbruch» stattfindet, werden nicht nur Praktiker von ihrer aktuellen Arbeit in den verschiedenen psychologischen Berufsfeldern berichten, sondern es wird auch immer wieder die Frage nach den theoretischen Grundlagen psychologischer Tätigkeit gestellt.

Ist die Psychologie eine eigenständige Wissenschaft und worauf gründen sich ihre Methoden - auf Geisteswissenschaft oder Naturwissenschaft, auf Objektivität oder Subjektivität, auf Grundlagenforschung oder Einzelfallbeobachtung? Eine Frage, die so alt ist wie die Psychologie selbst. Ob sie wohl jemals beantwortet werden wird?

«Die Psychologie hat eine lange Vergangenheit, aber nur eine kurze Geschichte,» sagt Professor Wolfgang Schönpflug vom Studiengang Psychologie der Freien Universität (FU), der örtliche wissenschaftliche Leiter des Kongresses. «Ihre ältesten Wurzeln hat sie in der griechischen Philosophie, eine ihrer jüngsten in der «Berliner Schule» der frühen 20er Jahre, in der Wissenschaftler wie Max Wertheimer, Franz Koffka, Kurt Lewin und Wolfgang Köhler - die dann alle, bis auf Koffka aus Nazi-Deutschland emigrieren mussten - mit experimentellen Methoden zu allgemeingültigen psychologischen Aussagen zu gelangen versuchten.»

Dieser Dualismus zwischen Natur- und Geisteswissenschaft, zwischen Positivismus und Subjektivismus, zwischen Verstehen und Erklären hat, so Schönpflug, immer wieder zu Spannungen innerhalb der Psychologie geführt, hat sie gleichzeitig gespalten und befruchtet. Beide Richtungen bestanden bis in die 60er Jahre hinein nebeneinander, wurden an ganz verschiedenen Universitäten gepflegt, man beäugte einander argwöhnisch und sprach sich zum Teil gegenseitig die Wissenschaftlichkeit ab.

Als sich dann schließlich die streng naturwissenschaftliche Forschung durchsetzte - man formulierte eine Hypothese und suchte sie mit quantitativen Methoden zu beweisen - schien alles machbar und alles erklärbar zu sein. Der Mensch wurde zum offenen Buch, in dem alles lesbar und alles messbar war, nichts Menschliches verborgen blieb. Aus dieser Zeit stammt die Furcht vieler Menschen, dass Psychologen «alles durchschauen» können.

Anfang der 80er Jahre wandten sich viele Psychologen von dieser Methode ab. Man besann sich erneut auf den Einzelfall, auf das Subjekt mit seiner individuellen Struktur und seinem unverwechselbaren Selbst, man erkannte die dynamischen Wechselwirkungen zwischen dem Subjekt und seiner oft krank machenden Umgebung und bediente sich immer häufiger qualitativer Untersuchungsmethoden, wie Einzelfallbeobachtung oder Interview, Gruppendiskussion oder biografischer Analyse, bezog den Forschungsgegenstand Mensch als Partner in die Forschung ein und kam dadurch zwar wieder zu einem «weicheren» Wissenschaftsverständnis, aber zugleich auch zu größerer Realitätsnähe. Aus dieser Zeit stammen unter anderem die Erfolge der Familientherapie in der Kinderpsychologie. Denn nur wenn sich die Umgebung ändert, kann das Kind seelisch gesunden.

Darüber hinaus wächst die Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen. Die Psychologie gewinnt wertvolle Erkenntnisse aus der Hirnforschung, zum Beispiel, was Lernen und Gedächtnis angeht. Neue Einsichten stammen auch aus der Verhaltensgenetik. Durch die Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen entstehen in der Praxis neue Berufs- und Forschungsfelder, wie Gesundheitspsychologie, Umwelt- oder Notfallpsychologie.

Wird sich die Psychologie als eigenständige Wissenschaft behaupten können? Professor Schönpflug: «Die Psychologie bewegt sich zwischen den Polen ,methodenstrenger Rationalismus´ und ,philantropischer Subjektivismus´. Trotz dieser Uneinheitlichkeit festigt sie sich immer mehr als Wissenschaft und auch als Beruf. Ihre führenden Vertreter verheißen ihr eine glänzende Zukunft». Umso mehr, als auch das 1998 verabschiedete Psychotherapeutengesetz hilft, den Beruf des psychologischen Therapeuten zu festigen und gegen Scharlatane abzugrenzen.

Darüber hinaus spezialisieren sich Diplompsychologen durch Weiterbildung und Qualitätssicherung in bestimmten Berufsfeldern (Fachgruppen, Sektionen) und können im Umgang mit Menschen den wissenschaftlichen Dualismus auch fruchtbar austragen, wenn sie ihre empirisch oder subjektiv gewonnenen Aussagen verstehbar begründen.

Diskutiert wird ab Donnerstag unter dem Motto «Zukunft Mensch, die Republik im Wandel»: Sind wir fexibel genug, um den Umbruch zu meistern, welche inneren Veränderungen gehen mit dieser Situation bei den Menschen einher. Auch wird man sich der Frage widmen: Welche Fähigkeiten braucht der Einzelne, um in der Gesellschaft zu bestehen. Differenzierten Einblick zu dieser Thematik versprechen sich die Veranstalter von Dr. habil. Jürgen Neubert, dem ehemaligen Bürgermeister der Stadt Dessau. Neuberts Referat trägt den Titel: «Reflexionen über den Umbruch in einer ostdeutschen kreisfreien Stadt».

Neu ins Programm aufgenommen wurde die Auseinandersetzung zwischen «Psychologie und Esoterik - Offener Schlagabtausch oder heimliches Techtelmechtel?» Vier Psychologieprofessoren waren Anfang dieses Jahres in einem Aufruf gegen den Esoterikboom zu Felde gezogen. Sie verdächtigten auch akademisch ausgebildete Psychologen der Schwindelei. Auf dem Berliner Kongress sollen nun beide Seiten zu Wort kommen.

Einen weiteren Kongressschwerpunkt bilden die hochkarätig und interdisziplinär besetzten Expertenrunden über die Schnittstellen von Psychologie und Gesellschaft mit den Themen Arbeit, Erziehung, Gesundheit und Recht.

Der mit seinem Buch «Psychotherapie im Wandel» zum Bestseller Autor avancierte Psychologieprofessor Klaus Grawe wird im Rahmen des Kongresses vom Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen mit der Hugo-Münsterberg-Medaille ausgezeichnet.

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