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Fortsetzung 5.3.2000


Die Angst in der psychoanalytischen Weiterbildung

von Gerd Böttcher

Vortrag auf dem DPG-Kongress 1982 in Berlin:
Angst: Individuelle und kollektive Erscheinungsformen

Verehrte Zuhörerinnen und Zuhörer!

Ich freue mich, daß ich meine Bemerkungen über die ANGST IN DER PSYCHOANALYTISCHEN WEITERBILDUNG unter Ihrem Vorsitz, lieber Herr Friedrich, hier vortragen kann. Sie gehörten vor etwa 10 Jahren zu einer Gruppe von Göttinger Weiterbildungsteilnehmern, die damals beachtenswerte „Überlegungen zur beruflichen Sozialisation in der psychoanalytischen Ausbildung" anstellten. Das Thema PSYCHOANALYTISCHE WEITERBILDUNG wurde dann 1973 hier in Berlin zum Thema einer ganzen DPG­-Jahrestagung und die Ergebnisse Ihrer Gruppe und jenes Kongresses fanden Platz in zwei Heften des 1974 er Jahrganges unsrer Zeitschrift für Psychosomatische Medizin und Psychoanalyse. Im Jahre 1970 veröffentlichte auch die PSYCHE Abhandlungen zur Ausbildung, besonders zur Frage der Lehranalyse.

Inzwischen liegt ein Jahrzehnt hinter uns. Aus damaligen Ausbildungskandidaten sind inzwischen viele Lehranalytiker geworden und sie kennen die Weiterbildungsthematik jetzt sozusagen von der anderen Seite, vom Sessel her, statt, von der Couch, von Debatten in Unterrichtsausschüssen und als Dozenten. Als einst Kontrollierte kontrollieren sie nun selber die ersten Behandlungen der jüngeren Kolleginnen und Kollegen. Und sie erleben, daß mit dem Wechsel "auf die andere Seite" die Ängste nicht verschwunden sind, sondern als Realängste und solche, wie man so schön sagt, restneurotischer Natur weiter blühen und gedeihen.

Ich nenne diese Ängste Charakterängste, die sich auf unsere ganz persönlichen Charakterhaltungen beziehen und in ihrer Mischung mit unseren zusätzlichen professionellen Charakterhaltungen und Charakterpanzerungen häufig als berufstypische Ängste imponieren. Gäbe es diese berufstypischen Ängste ohne Persönlichkeitsvariable und wären sie nicht allzu restneurotisch, dann bestünde für die Ausbildungsgremien Aussicht auf eine permanente Verbesserung der Ausbildungsqualität. Dann müssten wir nach 10 Jahren weitergekommen sein. So aber wiederholt sich auf der ganzen Welt, wo es psychoanalytische Institute und Fachgesellschaften gibt, die uralte Curriculum- und Richtliniendebatte. Die Zeit ist zu knapp, um einige Kostproben aus dieser Kuriosenkammer wiederzugeben. In den beiden Bänden II und III der von Dieter Eicke herausgegebenen PSYCHOLOGIE DES 20.JAHRHUNDERTS wird in der Darstellung der Psychoanalyse in den versch. europäischen und außereuropäischen Ländern von fast jedem der einzelnen Autoren auf die engen Zusammenhänge zwischen Krisen und sog. Spaltungstendenzen innerhalb der psychoanalytischen Gesellschaften mit Differenzen hinsichtlich des Weiterbildungswesens in den einzelnen Instituten hingewiesen. Und fast immer wird eine Verbesserung von Änderungen der Curricula erhofft. So wird verhandelt und gestritten um Minimal- und Maximalanforderungen hinsichtlich der geforderten Stundenzahl für Lehr- und Kontrollanalysen und dem Theorieangebot. So tauchen auf den Tagesordnungen der psychoanalytischen Gesellschaften immer wieder die Themen "Autonomie der Institute oder Überwachung durch überregionale Unterrichtsausschüsse" auf. Sie, Herr Friedrich, stellten vor 10 Jahren mit Ihrer Gruppe die These auf, daß die ideologiekritische Diskussion der psychoanalytischen Konzeptionen während der Ausbildung stattfinden müsse, weil, sie schrieben das damals sehr behutsam, nach Beendigung der Ausbildung die Wahrnehmungsfähigkeit dafür schon verkümmert sein könne. Das gilt mit Sicherheit für unser Ausbildungssystem.

Unter den sog. mittleren Menschen, auf die sich Schultz-Hencke oft bezog, ändert sich kein Mensch so schnell, wie jene, die plötzlich auf einem Vorstandssessel sitzen oder in einem Unterrichtsausschuß mitzubestimmen haben. Ähnlichkeiten finden wir häufig bei Männern, die sich plötzlich in der Vaterrolle vorfinden, vor allem wenn sie die üblicherweise 9 - monatige Initialzeit nicht genutzt haben. In analytischen Gruppen beobachten solche, eben Vater Gewordene, dieses Phänomen häufig sehr schön an sich selbst. Kaum in der Vaterrolle, da stehen ihnen ganz bestimmte regressive Phantasien nicht mehr zur Verfügung, die es vorher ermöglicht hatten, sich immer wieder in die Alpha-Position hineinzuwagen und ohne maligne Kränkungen auch wieder herausdrängen zu lassen. Ihre Wettbewerbsfähigkeit schien mit dem Vatersein plötzlich eingeschränkt zu sein. In ihrer inneren Einstellung war etwas plötzlich umgeschaltet. Ich meine, wir dürfen hier einmal annehmen, daß die Vaterrolle die Kommunikation mit dem Primärprozessartigen behindert. Für die neue Rolle stehen nur die rituellen Überichmuster des ehrbaren und vernünftigen Vaters zur Verfügung. Von jetzt an dürfen sie sich auch in der Gruppe nichts Unvernünftiges mehr leisten. Damit steht der früher die Gruppe stimulierende Einfallsreichtum nicht mehr zur Verfügung.

Geht es uns in den Vorstandssesseln und in der Rolle des Lehranalytikers nicht ähnlich?

Geht es so womöglich dann auch den jungen Kollegen, die, nach langer Analysandenabhängigkeit und, was ja auch dazugehört, Analysanden-Narrenfreiheit  - mit dem großartigen Recht, alles sich einfallen lassen zu dürfen -, nun plötzlich im Analytikersessel sitzen und mit den Widerständen ihrer Patienten die ihre innere Reichweite einzäumenden Gegenübertragungswiderstände als Einfallslosigkeit gegenüber dem Verhalten des Patienten erleben.

Ich denke dabei an eine mühselige und langweilige Analyse, die, in Anlehnung an Heideggers Holzwege, ihre analytische Kehre erfuhr, als ich in einer Sitzung, kurz vor dem Einschlafen, laut stöhnte: "Mensch, uns beiden fällt aber auch gar nichts mehr ein." Unser seliger Dr.Baumeyer, dem ich das etwas ängstlich in einer noch etwas verschlafenen Frühstmorgenkontrollstunde um 7.00 Uhr erzählte, sprang hellwach aus seinem Sessel auf, klatschte sich in die Hände und sagte zu mir kleinem Kandidaten: "Mensch, das muß ich mir merken!" Und dann wurde er ernst und sprach auf mich ein: "Bewahren Sie sich diese Lebendigkeit, das wird in unseren psychoanalytischen Gesellschaften nicht leicht sein. Unsere Ängste als psychoanalytische Lehrer sind nämlich größer als die der Ausbildungskandidaten. Das habe ich gar nicht mehr gewußt."

Ich komme damit zu einer für unsere Ausbildungsinstitutionen bedeutsamen Frage. Die Gruppe um Herrn Friedrich sprach vor 10 Jahren von einer möglichen Verkümmerung der Wahrnehmungsfähigkeit durch die psychoanalytische Ausbildung. FREUD wies, z.B. 1922 in seiner Schrift TRAUM UND TELEPATHIE, auf die "Narben" hin, die wir auch bei einer geglückten Analyse nicht immer abwenden können. Michael Balint nennt es eine DENKHEMMUNG und beschreibt diese als "erstes verdächtiges Symptom hinsichtlich unserer Ausbildung", das er, in seinen in letzter Zeit wieder viel beachteten und zitierten Abhandlungen von 1947 und 1953 über das psychoanalytische Ausbildungssystem, mit verantwortlich macht "für den Fluch des Haders", der auf unseren Ausbildungsorganisationen liegt. Wie jedes Symptom, so meinte Balint, sei auch dieses überdeterminiert.

Er untersucht dann zwei für die ausbildungsspezifische Denkhemmung verantwortliche Entwicklungen. Einmal die Tendenz, international gültige Ausbildungsnormen und eine internationale Kontrollorganisation aufzubauen. Historisch aktuell, nach der Novembernummer der PSYCHE, dürfte der Versuch Balints sein, diese zentralistische Tendenz mit der Person EITINGONS in Verbindung zu bringen, dem, wie Balint schreibt, der Internationale Unterrichtsausschuß die Erfüllung seiner ehrgeizigen Bestrebungen war. Er "war seine Lieblingsschöpfung, die einzige, die ihm blieb, nachdem die Nazis das neue Berliner Institut beschlagnahmt hatten, und so bewachte er sie natürlich eifersüchtig". Aber die Geschichte zentralistischer Bemühungen in der psychoanalytischen Bewegung ist eine Geschichte des Scheiterns. "Der erste überregionale Unterrichtsausschuß wurde 1925 auf dem Homburger Kongreß als ein Organ der vereinigten Berliner und Wiener Institute errichtet und zerfiel beinahe schon zwei Jahre später auf dem Innsbrucker Kongreß". Und weiter Balint: "Während seiner Existenz in den Jahren von 1925 bis 1938, also in der Zeit der raschesten Ausbreitung der Psychoanalyse, war der Internationale Unterrichtsausschuß, die Versammlung der Elite .der ganzen analytischen Welt, nicht imstande, irgend etwas Gedrucktes hervorzubringen außer Berichten ganz nutzloser Streitereien."

Balint geht schließlich der Frage nach, inwieweit die Ambivalenz gegenüber der Vater-Imago für die Zuspitzung der jeweiligen Konflikte verantwortlich war. Und wir sollten überprüfen, ob sich das heute nicht nur in den Richtlinienkompetenzen, die Fachgesellschaften beanspruchen, sondern auch in jedem der Weiterbildungsinstitute wiederholt. Balint macht für die Geschichte des Konflikts des Internationalen Unterrichtsausschusses jene Väter verantwortlich, "die die jungen amerikanischen Institute unnötig lange in einem Schüler-Status zu halten versuchten, von ihnen kindlichen Respekt und Gehorsam forderten, also bedingungslose Anerkennung der Zensuren erteilenden väterlichen Autorität des Internationalen Unterrichtsausschusses, dh. der alten europäischen Institute. Die Reaktion auf diese unnötig drückende Forderung war eine ebenso unnötig heftige Rebellion". Balint nennt sie die NEUE UNABHÄNGIGKEITSERKLÄRUNG von 1937. Seither gibt es in der organisierten Psychoanalyse keine Unabhängigkeitserklärung mehr, die nicht sofort von der anderen Seite mit den Worten "Spaltung", "Deviation" oder ähnlichem belegt wird.

Diese, wie Balint sagt, exoterische Geschichte manifestierte sich auf dem Hintergrund einer esoterischen Geschichte. Es sind die gruppenimmanenten Reaktionsbildungen auf die Traumata, die durch die Konflikte um die Austritte von Adler, Jung und Stekel erlitten wurden.

In seiner GESCHICHTE DER PSYCHOANALYTISCHEN BEWEGUNG 1914 schreibt FREUD, wie lästig es ihm war, sich auf "wissenschaftliches Gezänk" einzulassen. "Vielleicht hat man dieses mein Benehmen mißverstanden, mich für so gutmütig oder so eingeschüchtert gehalten, daß man auf mich keine Rücksicht zu nehmen brauchte. Mit Unrecht; ich kann so gut schimpfen und wüten wie ein anderer, aber ich verstehe es nicht, die Äußerungen der zugrunde liegenden Affekte literaturfähig zu machen, und darum ziehe ich die Enthaltung vor. Vielleicht wäre es nach manchen Richtungen besser gewesen, wenn ich den Leidenschaften bei mir und denen um mich freien Lauf gelassen hätte.....“

Und weiter: „Vielleicht bin ich mitschuldig daran durch meine, die breite Öffentlichkeit vermeidende Politik". Und so ordnet er schließlich den Abschnitt, in dem er sich mit den sog. Abfallbewegungen beschäftigt, lapidar unter das GOETHE‑MOTTO: "Mach es kurz! Am Jüngsten Tag ist's nur ein Furz."

Damit bin ich wieder bei meiner zentralen Frage. Ist diese retentive Haltung FREUDs gegenüber affektiven Auseinandersetzungen nicht auch in vielen anderen Bereichen Merkmal der strukturellen Verknotungen der Psychoanalyse insgesamt. Und finden wir den Weg zu einer strukturellen Auflockerung erst dann, wenn wir uns zuerst einmal alle als Schicksalsgenossen in dieser ganzen analen Behinderung anerkennen. Daß es sich nicht nur um Behinderungen handelt, daß die analerotische Komponente uns ja zu immenser Produktivität verhilft, muß natürlich erwähnt werden, obwohl wir auch hier noch vor großen Untersuchungsaufgaben stehen, um etwa deren anal­narzißtische Anteile erkunden zu können. Mir kommt es in diesem Vortrag auf die von uns nicht ausreichend berücksichtigten Behinderungen im Weiterbildungswesen an.

Erreichen wir mit unserer Weiterbildung jenes Stadium der "sekundären Naivität" des Analysierten, der das spontane ADGREDI zur freien Verfügung hat. Davon sprachen vor 10 Jahren auf dem schon erwähnten DPG-Kongreß über "Weiterbildungsfragen" einige Kollegen in einer Arbeitsgruppe. Dazu gehörten damals als Lehrer Frau v.Viebahn, Herr Bach, Herr Zander und als damalige Ausbildungskandidaten Frau Kamper und Herr Rüger, beide inzwischen längst auch im "Establishment" unserer Gesellschaft.

Es ging damals auch um das Thema "Übertragungsneurose in der Lehranalyse".

Es standen zwei Thesen im Raum: einmal die, "nur wenn die keine Ersatzbefriedigung bietende distanzierte Haltung des Lehranalytikers auf die gesamte Ausbildungssituation ausgedehnt wird, könne sich eine intensive Übertragungsneurose bilden, nur so bilde der Analytiker die durch keine Realerfahrung getrübte Projektionsfläche." Die andere These lautete: "Die Übertragungsneurose ist stark genug, daß sie sich auch bei näherer Kenntnis der Realperson des Analytikers in der analytischen Situation sofort wieder herstellt." Die damalige Arbeitsgruppe vermutete, mit der ersten These wolle man Widerstände gegen eine vermehrte Transparenz der analytischen Ausbildung rationalisieren.

Es kam damals aber auch zu einem typischen Gruppenphänomen, das ich in ähnlichen gemischten Gruppen von Lehranalytikern und Lehranalysanden häufig wieder erlebte. Es kam unter der Teilnehmern zu einem Unbehagen, das in dem Ausspruch kulminierte: "Die Lehranalytiker reden zu viel!" Im Kongressbericht zu dieser Arbeitsgruppe lautete dann der Kommentar: "Nach kurzer Ratlosigkeit wurde uns deutlich: Die analytischen Götter dürfen nicht als Menschen erkennbar werden". Dazu gehört, was Herr Heigl dieser Tage als Beobachtung von einem DPV-Institut mitteilte; daß dort die Kandidaten gegen die revidierte Technik eines renommierten Dozenten und Lehranalytikers protestierten. Ähnliches erlebten wir unter jüngeren Priestern der katholischen Kirche, die sich gegen die, in diesem Fall sogar päpstlich angeordnete Revision der orthodox lateinischen Liturgie auflehnten.

Ich meine, daß wir hier auf einen wichtigen Punkt stoßen, den es in kaum einem anderem Ausbildungswesen außer dem psychoanalytischen gibt. Der Weg zum voll anerkannten Psychoanalytiker ist ein langer mühsamer Weg, der weit über die allen Bildungsgesellschaften eigene verlängerte künstliche Adoleszenz hinausgeht. Da sind die Wartezeiten bis zur Zulassung mit ihren für Außenstehende esoterischen Aufnahmebedingungen. Da sind für die einzelnen Weiterbildungsabschnitte wieder die Schwellen vom Hörer über den Kandidaten zum Praktikanten zu überschreiten, wieder jeweils angewiesen auf die Zustimmung eines Ausschusses. Schließlich ist man dann examinierter Psychoanalytiker mit der durch ein bestandenes Examen bezeugten Befähigung, selbständig Psychoanalyse ausüben zu können. Und nun steht man wieder an vor den Toren einer psychoanalytischen Fachgesellschaft, über die man über verschiedene Vorstufen dann eines Tages seine ersehnte volle Anerkennung erhält.

Und sollte gar einer von sich aus auf die Idee kommen wollen, einmal Lehranalytiker zu werden, dann vergreift er sich an den Göttern, da diese nur selber zu Göttern ernennen können.

Was sind das eigentlich für Menschen, erwachsene Menschen, die ein akademisches Studium und Berufserfahrung hinter sich haben und nun diesen langen Weg auf sich nehmen? Gibt es irgend einen empirischen Nachweis, daß es sich lohnt, auf diese Weise den Gral zu finden? Ist der solchermaßen schließlich voll anerkannte Analytiker in seiner Persönlichkeitsreife und seinen analytischen Fertigkeiten nahezu perfekt? Oder ist das nur die Kanalarbeitermentalität, die darauf besteht, daß jeder die gleiche mühselige Ochsentour durchmacht? Wo bleibt die empirische Untersuchung, daß auf diese Weise die besseren Analytiker trainiert werden?

Michael Balint geht immerhin den Ursachen für diese Arkandisziplin der psychoanalytischen Gesellschaften nach. Woher kommt das, wie er sagt, viel zu respektvolle Verhalten unserer Kandidaten gegenüber ihren Lehranalytikern? Er bietet zwei Antworten: Die eine dürfte bekannt sein, weil sie viel zitiert wird: "Es dürfte keinem Analytiker schwer fallen, die Ursachen für diese Symptome zu diagnostizieren. Die ganze Atmosphäre erinnert stark an die Initiationsriten der Primitiven. Auf Seiten der Initiatoren - der Unterrichtsausschüsse und Lehranalytiker - beobachten wir Geheimhaltung ihres esoterischen Wissens, dogmatische Verkündigung der Forderungen und autoritative Techniken. Auf Seiten der Kandidaten, also der zu Initiierenden, beobachten wir willige Annahme der exoterischen Legenden, Unterwerfung unter die dogmatische und autoritative Behandlung ohne viel Protest und ein überaus respektvolles Benehmen. Wir wissen, welches Ziel alle Initiationsriten haben: Sie sollen den Neuling zwingen, sich mit dem Clan zu identifizieren, den Initiator und seine Ideale zu introjizieren und aus diesen Identifikationen ein starkes Über-Ich zu errichten, das ihn lebenslang beeinflußt."

Gegenüber diesem Eindruck Balints aus dem Jahre 1947 hat sich sicher einiges geändert, wir nehmen in unserer Gesellschaft der DPG in Anspruch doch etwas liberaler und weniger dogmatisch zu sein. Aber auch das scheint mir nur eine Betrachtung aus dem Blickwinkel des "Narzißmus des kleinen Unterschiedes" zu sein. In den Grundstrukturen ist das meiste geblieben.

Welche Ängste kämen wohl zum Vorschein, wenn wir auf diesen Prozeß der langsamen Einübung in eine Überidentität verzichten könnten?

Fortsetzung vom 5.3.2000

Zunächst die Angst vor dem affektiven Sturm, der das kontinuierliche professionelle Miteinander von Lehrern und Schülern, Lehranalytikern und Lehranalysanden und als weitere Folge die analytischen Institutionen bedrohen könnte. Durch zu frühes, aber auch zu wohldosiertes Ansprechen der negativen Übertragung bleibt der Umgang mit dem aggressiven und vor allem dem aggressiv-destruktiven Potential letztlich, wie Balint meinte, ein "Sandkastenspiel". 

Vor 12 Jahren berichtete Tobias BROCHER in der PSYCHE über aktuelle Probleme in der psychoanalytischen Ausbildung in den USA. In Verbindung mit KEISERS "Instituts-Report" aus dem Jahre 1969 geht er auf das, wie er es nennt, "UNBEHAGEN IN DER KANDIDATUR" ein. Er beleuchtet die Organisationsstrukturen der Institute und die vorfindbaren Unterschiede zwischen demokratischen Bemühungen und pseudodemokratischer Persistenz autoritärer Strukturen. Dazu gehört die Beobachtung, daß die Organisationsleiterinnen oder -Leiter, sprich Instituts-Vorsitzende häufig sehr großzügig mit den Institutssatzungen und Richtlinien umgehen, diese häufig in gerade wichtigen Punkten nicht kennen, weil sie eigener Machtansprüche erliegen. Als Reaktionsbildung kommt es dann zu un-ökonomischen langwierigen Satzungs- und Richtliniendebatten.   

Welches sind die eigentlich "mysteriösen Autoritäten", die ein Institut regieren? Und er verweist mit Joan FLEMING auf die PRIMADONNEN, die STARANALYTIKER, deren Konsequenz dann die STAR-SCHÜLER seien. Hier lägen die eigentlichen "Hierarchien unbalancierter Macht". Diese Primadonnen versuchten dann auch die anderen Lehranalytiker weiterhin im Schülerstatus zu halten. Die konkurrierenden Gegenübertragungen werden so zwar provoziert, sie kommen aber nicht zur Auflösung, weil "niemand von sich selbst glaubt, er sei autoritär". Die Folge ist, daß trotz Basteleien an Institutssatzungen und Weiterbildungsrichtlinien diese unzulänglich bleiben, weil diese Hierarchien natürlich immer wieder eingebaut werden.  

Da Primadonnen alle Partituren und Koloraturen beherrschen, ist es auch nicht nötig, sich gelegentlich durch Sachverständige anderer Berufsgruppen beraten zu lassen. In einer Schweizer Zeitung las ich kürzlich von einer Untersuchung über die fachliche Kommunikationsfähigkeit akademischer Berufe mit anderen Disziplinen. Die Psychoanalytiker standen an drittletzter Stelle; nach ihnen kamen nur noch die Zahnärzte vor den theoretischen Mathematikern, die das Schlußlicht der Skala bildeten. Das ist vor allem für die Weiterbildung problematisch, die seit den 20er Jahren nach dem alten Muster gestrickt ist. Gegenüber den didaktischen Erkenntnissen moderner Curriculumforschung bleibt man so ignorant.

Die persistierende Angst gründet auf der Vermischung von Erkenntnis und Bekenntnis, die wiederum ihren Grund in der Gründervaterbezogenheit der Psychoanalyse hat. Die in Supervisionsstunden und Seminaren immer wieder tradierte Frage: "Ist das (noch) analytisch, wie einer denkt, behandelt oder seine "Fälle" darstellt ?" führt natürlich zu angstbesetzten Denkhemmungen. Denn diese Frage ist nicht die Frage nach alternativen und möglicherweise weiterführenden Denk- und Behandlungsmöglichkeiten, sondern wird als Bekenntnisfrage erlebt und suggeriert die ständige Gefahr des Verrats an der Psychoanalyse. So entstehen dann oft wunderbare Examensarbeiten über anscheinend rite verlaufende Psychoanalysen, obwohl es sich über weite Strecken um handfeste Psychotherapien gehandelt hat. Der narzißtische Gewinn, sich als Psychoanalytiker von den Psychotherapeuten unterscheiden zu können, führt dann aber notgedrungen zu dem oben geschilderten Defizit der Kommunikationsfähigkeit mit anderen psychotherapeutischen Disziplinen. Und das Verzichtsverbot von Vielfalt, weil Psychoanalyse selbstverständlich nicht einfach etwas Beliebiges sein kann, führt dann oft zur einfältigen Einfalt.

Die Psychoanalyse darf und soll ein vielfältiges Gesicht haben dürfen. Dann lockert sich das strenge Vater- und Institutsbezogene Überich und kann die ich- und patientengerechte Funktion der eigenverantwortlichen Achtsamkeit ausüben. In ihrer Vielfältigkeit entspricht sie schließlich der Vielfältigkeit des lebendigen Menschen, dessen Falten im Gesicht nicht erschrecken müssen, weil man auch diese libidinös wie eine erregende neue erogene Zone besetzen kann.

Und die alte Dame Psychoanalyse bleibt liebenswürdig, solange sie sich an ihren gehorsamen wie ungehorsamen und wilden Kindern erfreut.

Was können die Institute tun ?

Jeder weiß, daß Lehranalytiker keine besseren Psychoanalytiker sind und dass in Lehranalysen weniger erreicht wird als in therapeutischen Analysen. Die Forderung, den Lehranalytikerstatus abzuschaffen, ist seit Anna Freud immer wieder wiederholt worden. Jeder, der eine ausreichende Zeit Psychoanalysen durchgeführt hat, sollte auch die analytische Selbsterfahrung bei Ausbildungsteilnehmern durchführen können. Eine zu enge Institutsanbindung solcher Analytiker gilt als eher hinderlich.

Was hindert aber die Institute, die Lehranalysen nach außen freizugeben ?

Fortsetzung folgt.

         

  

Ich möchte mit diesen provokativen Bemerkungen diese Ebene verlassen, um das Thema "ANGST in der psychoanalytischen Weiterbildung" abschließend noch in einem anderen Bereich aufgreifen zu können.

Ich möchte aus dem Komplex einer umfangreicheren Untersuchung jene "ANGST IN DER PSYCHOANALYTISCHEN WEITERBILDUNG" herausgreifen, die in der Weitervermittlung des psychoanalytischen TRADITUMS beobachtet werden kann. Ich verfremde also den berufspolitischen Begriff "Weiterbildung", indem ich das "WEITER" im Sinne des "Weitergebens" oder "Tradierens" benutze. Dabei habe ich den Akzent noch etwas schärfer gefasst und meine Vorbereitungen für diesen Vortrag beiseite gelegt, um mit einer persönlichen Betroffenheit zu Rate zu gehen, die mich bewegt, seit ich vor wenigen Tagen in meinem Seminar über die GESCHICHTE DER PSYCHOANALYSE im hiesigen INSTITUT FÜR PSYCHOTHERAPIE mit der Betroffenheit der jungen Kolleginnen und Kollegen konfrontiert wurde, die gerade die Novembernummer der PSYCHE gelesen hatten. Was haben wir unterlassen, daß wir 37 Jahre nach dem schrecklichen Ende der schrecklichen Nazi-Herrschaft noch immer nach der Rolle der nicht emigrierten Psychoanalytiker im sog. III.Reich gefragt werden müssen. Wenn die Fragenden sich nun selber daran machen, dieses Stück beschämender Geschichte aufzuarbeiten, dann gerät uns unsere Profession zum psychosozialen Widerstand, wo wir diesem Fragen mit Mutmaßungen und inkompetenten Deutungsversuchen der persönlichen Motivationen jener Autoren oder mit Vorhaltungen über unzureichende Recherchen begegnen. Die Frage Matusseks, wieviel  Angehörige muß ein Verfolgter verloren haben, um Anspruch auf Heilbehandlung zu haben; möchte ich ausdehnen, wieviel persönliches Leid muß einer nachweisen, um uns fragen zu dürfen, warum die Vertreter der Psychoanalyse im Nazisystem zwar viele kluge Anpassungsleistungen vollbrachten und damit sicher ein Stück Psychoanalyse bewahren konnten und, was nicht versteckt werden muß, damit auch manchem politisch oder militärisch Verfolgtem helfen konnten; warum sie aber nicht fähig waren, jene menschliche Fähigkeit des sozialen,   politischen und evtl. militärischen Widerstandes zu entwickeln, die neben der Anpassungsfähigkeit zum menschlichen Lebenspotential gehört.

Ich kann und möchte mein Thema "Angst in der psychoanalytischen Weiterbildung" nicht überstrapazieren. Aber ich spreche ja von Ängsten junger Kolleginnen und Kollegen, die bei uns ihre analytische Weiterbildung beginnen. Ängste, die ich in der Formel, "auf welche Väter und Mütter, auf welche Lehrer und Lehranalytiker lasse ich mich da ein?", verdichtet zum Ausdruck zu bringen versuche.

Wir haben über "die Unfähigkeit zu trauern" gelesen. Ich meine, daß der Begriff TRAUERARBEIT nicht ausreicht, um mit dieser Vergangenheit fertig zu werden. Fertig werden können wir damit sowieso nicht. Ich möchte aber anregen, ob wir ein Stück weiterkommen mit jenem Begriff der BESORGNIS, den WINNICOTT "CONCERN" nennt und damit die Fähigkeit meint, daß sich der Mensch um etwas bekümmert, daß ihm etwas "etwas ausmacht", daß er Verantwortung fühlt und übernimmt. Winnicott weist darauf hin, daß das Wort BESORGNIS positiv ein Phänomen bezeichnet, das auf negative Weise SCHULDGEFÜHL genannt wird. Er untersucht die Entwicklung dieser Fähigkeit, Besorgnis zu erleben, in jenem Stadium der Entwöhnung des Säuglings, indem er erstmals erfährt, die Mutter nicht nur zu verzehren, sondern ihr auch etwas geben zu können. Er meint, hier auch die Gründe dafür zu finden, warum manche Kinder sich selbst entwöhnen. Ich kann hier darauf nicht weiter eingehen. Für unseren Zusammenhang sei nur die Beobachtung Winnicotts aufgegriffen, daß sich beim Kind dann Traurigkeit oder Schuldgefühle einstellen, wenn ihm keine Gelegenheit zur Wiedergutmachung angeboten wird.

 

4.

 

~Y

Winnicot concern, Wiedergutmachungsymbole statt Trauerarbeit, der Begriff nicht ausreichend, weil er die Schuldgefühlsthematik nicht einbezieht. UND die Schwierigkeit wegen der Beschlagnahme des Widerstandsbegriffes für den analytischen Prozess und einer Ausdehnung auf die Ablehnung der Psychoanalyse durch die Gesellschaft, keine Phantasie als Ziel einer Analyse, neben der bekannten Trias Arbeits‑, Liebes‑ und Genußfähigkit, auch die psychosozial, Widerstandsfähigkeit einzubeziehen.

STICHWORTE:

Winnicot concern, Widergutmachungssymbole statt Trauerarbeit, der Begriff nicht ausreichend, weil er die Schuldgefühlsthematik nicht einbezieht. UND die Schwierigkeit wegen der Beschlagnahme des Widerstandsbegriffes für den analytischen Prozess und seiner Ausdehnung auf die Ablehnung der Psychoanalyse durch die Gesellschaft, keine Phantasie als Ziel einer Analyse, neben der bekannten Trias Arbeits‑, Liebes‑ und Genußfähigkit, auch die psychosoziale Widerstandsfähigkeit einzubeziehen.

Fürstenau‑ Der Psychoanalytiker ist nur im psychoanalytischen setting psychoanalytisch kompetent. Nur im analytischen Prozess ist Psychoanalyse vermittelbar. Insofern geschieht Weiterbildung in Psychoanalyse in der inneren Emigration (Frank Thiess). Wir haben eine wesensähnliche, wenn auch nicht wesensgleiche "Parallele ?" in der Geschichte religiöser Bewegungen. Auch hier gab es Entwicklungsphasen, in denen die Weitervermittlung des christl. Traditums nur im geistlichen Exil der Arkandisziplin gedacht werden konnte. (Was darf gedacht werden?Zwangssymptom?) Zwei Reiche Lehre. Darf und kann der Theologe politische Kompetenz beanspruchen? Wir wissen, daß die mit der sog. Zwei‑Reiche‑Lehre Luthers begründete polit. Abstinenz im 3.Reich viele nicht hinderte, illegal im Untergrund, aber einem politisch sehr aktiven Untergrund, als sog. Bekennende Kirche den Widerstand gegen das 3. Reich aufzunehmen. Bonhoeffer‑WIDERSTAND UND ERGEBUNG.

 

 

 

 

 

 

 


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